Die Geschichte meines Jakobsweges:
Camino Francés: (Pamplona – Santiago de Compostela): Mai 2008 --- geschrieben Oktober 2010

Via de la Plata (Sevilla – Salamanca): April/Mai 2010 --- geschrieben Dezember 2010

Via de la Plata (Salamanca – Santiago – Muxia): April/Mai 2011 --- geschrieben Mai/Juni 2011

Camino del Norte: (Hondarribia – Gurriezo): Juni 2012 --- geschrieben Juli 2012

Camino Primitivo (Oviedo - Santiago de Compostela): Mai 2014 --- geschrieben Mai bis September 2014

Übersicht über meine Wege und Beschreibung in Kurzform

Camino Francés 
Mein erster Pilgerweg führte mich 2008 auf den Camino Francés, den klassischen Jakobsweg von den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela.
Unerwartet und plötzlich überkam mich der Wunsch diesen Weg einmal zu laufen, mich der Herausforderung zu stellen. Da ich nicht direkt starten konnte, der Jahresurlaub für das Jahr 2007 war bereits verplant, hatte ich genügend Zeit mich in die Thematik einzulesen und mir meine Gedanken zu machen.
Die Vorfreude begleitete mich 10 Monate lang und dann ging es los.
Was erwartet mich auf so einem Weg? Wie komme ich im Ausland ohne die nötigen Sprachkenntnisse zurecht? Helfen mir die 1,5 Semester Volkshochschulspanisch mich auf dem Weg zurechtzufinden? Wen lerne ich kennen? Bin ich den Strapazen gewachsen und was macht der Weg mit mir?
Immer wieder habe ich gelesen, dass Menschen sich auf dem Weg verändert haben, neue Wege für sich im Alltag gefunden haben etc.
Kann ein Weg, eine Auszeit vom Alltag in einem Monat einen neuen Menschen aus mir machen?
Wie viele meiner Mitpilger fühlte ich mich orientierungslos, suchte nach einem neuen Weg für mich im beruflichen Alltag und im Umgang mit meinen Mitmenschen. Schaffe ich, die sich schwer tut mit fremden Menschen, wenn ich alleine bin, auf diese zuzugehen? Fühle ich mich einsam und meinen Mitpilgern und in der Fremde?
Fragen über Fragen, Zweifel, Ängste – aber die Vorfreude auf das was vor mir liegt – überwog.
Neugierig startete ich meine Reise in´s „Ungewisse“ und freute mich auf die Zeit und ich wurde nicht enttäuscht. Es wurde die Reise meines Lebens!
Voller Ungewissheit was mich erwartet und wie es mir ergehen wird, aber mit einem eigenartigem Sicherheitsgefühl das Richtige zu tun und mein Ziel zu erreichen startete ich meinen Weg am 1. Mai 2008 in Pamplona.
Ich habe auf diesem Weg so viel erlebt und genaueres ist in den Etappenbeschreibungen meines Blogs zu lesen, man muss nur auf den Anfang zurückblättern und sich dann durch die Artikel lesen – und Zeit mitbringen…
Ich erlebte auf dem Weg das Gefühl, das irgendwer seine Hand über mich hält und alles lenken und richten wird. Und wie es war, egal ob Regen, Sturm, Nebel oder Sonne, es war immer richtig – es hätte nicht anders sein dürfen.
Ich, die sonst Probleme hat, auf fremde Menschen zuzugehen, konnte plötzlich auf Unbekannte zugehen, mit ihnen reden, lachen, weinen und gemeinsam schweigen. Egal welche Nationalität mir begegnete, egal wie groß die Sprachbarriere, das Gemeinsamkeitsgefühlt, das Gefühl der Zusammengehörigkeit und das gute Gefühl, genau das Richtige zu tun, überwog immer.
Das Wetter auf meinem Weg, war entgegen aller Langzeitprognosen, schlecht und noch viel schlechter. Oftmals hatte ich das Gefühl Santiago entgegen zu schwimmen. Niemals hätte ich gedacht, dass ich mit so einer guten Laune morgens aus dem Fenster schauen kann um festzustellen, dass es immer noch oder schon wieder regnet. Niemals wären ich oder meine Mitpilger wegen schlechten Wetters nicht auf die nächste Etappe gestartet. Es war nur immer die Frage, Regenhose, Regenponcho, Gamaschen, Regenjacke – lohnt sich das Anziehen oder hört der Regen vielleicht schon in Kürze aus. Umschritt ich morgens, am Tagesbeginn, noch die Pfützen, machte ich mir mit jedem gelaufenen Kilometer und mit zunehmender Erschöpfung keine Gedanken mehr, wie ich trocken um die Pfütze komme – bestand sowieso der ganze Weg aus einer einzigen Wasserlache.
An solchen Tagen war es plötzlich auch ganz egal, wenn es keine Möglichkeit zum Wäschewaschen oder Trocknen gab – blieb die Kleidung eben dreckig und verschwitzt. Der Jakobsweg ist kein Laufsteg und wenn ich keine Möglichkeit zur Wäsche habe, haben es meine Mitpilger auch nicht.
Neben Ausdauer und Durchhaltevermögen lernt man auf dem Weg auch Geduld. Wie weit ist es noch bis zur nächsten Herberge, wann taucht der Ort endlich vor den eigenen Augen auf und wann öffnet die Herberge.
Das gemeinsame Warten auf das Öffnen der Herberge gehörte bei mir täglich dazu. Regelmäßig habe ich täglich auf dem Weg meine Pausen am Wegesrand oder am liebsten in einer der kleinen Bars am Wegesrand gemacht. Über jede Bar habe ich mich gefreut und, ich glaube, ich habe selten soviel Kaffee getrunken, aber der Kaffee in der Pause auf den Barhockern in zum Teil verkommenen Bars gehört einfach dazu. Man lernt auf dem Weg mit so wenigem und vor allem mit allem zufrieden zu sein.
Erreicht man sein Tagesziel freut man sich über jede Schlaf- und Duschmöglichkeit. Luxus gibt es nicht und wird auch nicht verlangt. Ein Bett in dem schon tausende von Menschen geschlafen haben, reicht völlig aus, zwei Toiletten für 100 Pilger – okay, dann wartet man, bis das WC frei wird, ebenso die Dusche. Anspruchslos wird man auch beim Essen. Zum Frühstück ein Stück Baguette, abends oder nach der Ankunft ein Pilgermenü, das fast überall gleich ist, oder Alternativ ein kleiner Einkauf im Supermarkt oder etwas selbst gekochtes, was selten anderes als Nudeln sind.
Und dennoch: jeder auf dem Weg ist glücklich, alle sind zufrieden und es herrscht eine entspannte, fröhliche Stimmung untereinander und im Stillen.
Sieht man anfangs einen „großen Berg“ vor sich, 700 Kilometer und mehr, denkt man irgendwann: Ich bin schon fast da, nur noch 200 Kilometer, ein Katzensprung. Jeder möchte sein Ziel Santiago de Compostela erreichen und irgendwann weiß man: Ich schaffe das. Und irgendwie möchte man ankommen und auch wieder nicht. Mit der Ankunft ist die Reise beendet. „Plötzlich“ steht man vor der Kathedrale und das war es –man hat sein Ziel erreicht. Die Freude ist groß, es laufen viele Tränen, man ist erschöpft und glücklich und gleichzeitig traurig, weil der Weg beendet ist.
Aber ist der Weg wirklich beendet oder beginnt er erst hier? Auf dem Weg hat man viel Zeit sich Gedanken zu sich selbst, dem Leben und um alles Mögliche zu machen und manchmal ist der Kopf einfach nur leer und man genießt die schöne Natur und das „auf dem Weg sein“.
Die Natur hat mich immer wieder fasziniert, auch wenn sie sich über viele Kilometer nicht verändert hat. Manchmal verändert sich die Natur von jetzt auf gleich, hinter einer Kurve sieht alles ganz anders aus, und dann gibt es die endlosen Kilometer in der Meseta zwischen Burgos und Leon – aber auch diese haben ihren Reiz und sind nicht langweilig. Die Eintönigkeit der Natur – nichts als Felder– geben einem die Möglichkeit in eine Art Meditation zu fallen, entweder ist der Kopf ganz leer und man denkt an gar nichts, oder die Gedanken hüpfen querfeldein und es geht einem ganz viel durch den Kopf und manchmal findet man dabei auch Lösungen oder Ansätze zu seinen inneren Fragen und Gedanken.

Hat mich der Weg verändert? Ich weiß es nicht und weiß es doch. Ich bin noch immer ich, aber der Weg war eine Erfahrung die ich nicht missen möchte. Man lernt Gelassenheit Dinge hinzunehmen die man nicht ändern kann (z.B. das Wetter), man lernt Toleranz: ich muss nicht jeden mögen, aber Toleranz gegenüber dem Nächsten muss man haben. Der Weg gibt einem Stärke und Zuversicht: Man kann mehr als man denkt, man muss sich nur trauen und egal ob man sein Ziel erreicht oder die Reise abbricht: man hat es versucht.
Scheitern ist für mich nur, aus Angst es nicht zu schaffen, daheim zu bleiben. Jeder der sich auf den Weg gemacht hat ist ein Sieger und auch wenn Santiago de Compostela das große Ziel der Reise ist: irgendwann kommt es nicht mehr darauf an ob man 300, 500 oder 700 Kilometer gelaufen ist.
Innerlich war meine Reise bereits in O Cebreiro beendet, von dort aus hätte ich nicht mehr weiterlaufen „müssen“. Ich fühlte mich angekommen, auch wenn ich mich noch 250 Kilometer vor Santiago befand und dennoch bin ich weitergelaufen – aber innerlich hätte ich bereits in O Cebreiro mit gutem Gewissen meinen Weg beenden können.
Santiago ist ein schöne Stadt am Wegesrand, aber der Weg geht weiter und ist nicht an der Kathedrale beendet. Der Weg begleitet einen im Alltag weiter, man träumt vom Weg, man schweift gedanklich nach Spanien ab und ist einfach nur glücklich. Das eigene Umfeld muss und kann das nicht verstehen, aber es ist so.
Eine Reise auf dem Pilgerweg ist anders als ein „normaler“ Urlaub. Der Urlaub ist beendet und war eine schöne Zeit und damit ist das Thema abgehakt. Der Camino begleitet einem im Alltag weiter, gibt Kraft und Stärke und auch heute, wenn ich 5 Jahre später an die Zeit zurückdenke, durchströmt mich auch jetzt noch ein großes Glücksgefühl.
Der Camino Francés, die Reise meines Lebens. Es war eine anstrengende, aber wunderschöne Zeit und es war die absolut richtige Entscheidung mich auf den Weg zu machen.
Jeden den der Weg oder Jakobus ruft, sollte sich auf den Weg machen, unabhängig vom Geschwätz des Umfeldes.
Ich wusste nie, warum es mich ausgerechnet zu dem Zeitpunkt auf den Weg gezogen hat, aber heute kenne ich die Antwort:

Wenn nicht jetzt wann dann? Gibt es irgendwann einen besseren Zeitpunkt? Man findet immer ein Argument das dagegen spricht, aber niemand weiß, ob es später dann noch geht.
Es ist gut nicht zu wissen, was in der Zukunft geschieht, aber man sollte seine Zeit nutzen.
Wenn nicht jetzt, wann dann?






Via de la Plata -
"mein Weg"

Nachdem ich im Mai 2008 den traditionellen Jakobsweg, den Camino Francés, gepilgert bin, hat mich der Gedanke mich noch einmal auf den Weg zu machen nicht mehr losgelassen.
Der Pilgerweg, der Camino Francés, war die Reise meines Lebens!
Auch wenn ich zuvor schon viele erlebnisreiche Urlaubsreisen genossen hatte, mit den Erlebnissen und Eindrücken auf dem Pilgerweg konnte keine dieser Reisen „konkurrieren“.
Auch wenn ich körperlich wieder zu Hause war, zurück im Alltag, schweiften meine Gedanken, mein Geist, ständig nach Spanien ab.
Nach wie vor fällt es mir schwer, alle Gedanken und Erlebnisse zu verschriftlichen. Vieles muss auch nicht aufgeschrieben werden, denn auch jetzt noch, nach Jahren, sind mir die die Eindrücke täglich präsent. Der Weg hat sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. So gerne ich mir meine Fotos vom Weg und meine Etappenberichte anschaue – die Bilder sind tief in mir und werden es immer sein.
Ich denke, gerade weil der Camino Francés so prägend war, konnte ich ihn nicht einfach loslassen, vergessen.
Schon kurz nach meiner Rückkehr in den Alltag vernahm ich den erneuten Ruf Jakobus´. Ganze drei Wochen nach meiner Rückkehr hatte ich das Gefühl genug für den Rest meines Lebens gelaufen zu sein – aber wie gesagt nur drei Wochen, danach juckten meine Fußsohlen und oft schaute ich auf meinen leeren Rucksack und die Wanderschuhe im Schuhregal.
So laut wie der Weg nach mir rief, war es schnell klar, dass ich irgendwann wieder starten werde. Aber: den gleichen Weg noch einmal gehen?
Muss nicht jeder folgende Weg nach einem so berauschenden, wunderbaren ersten Weg zum Scheitern verurteilt sein, eine Enttäuschung werden?
Kann mir ein zweiter Weg das geben, was mir der erste gegeben hat, ist so ein Erlebnis wiederholbar?
Gerade in dieser Zeit habe ich viel gegrübelt, im Internet recherchiert und bin so auf das neue www.jakobus-peregrino.de – Forum gestoßen. Auch wenn ich bisher nicht viel zum Thema Via de la Plata wusste, wusste ich doch, dass dieser südliche Jakobsweg mein nächster Weg sein wird.
Im Forum suchte ich gezielt nach Informationen und fand auf alle Fragen Antworten. Oft beinahe schon zu viele Antworten: verschiedene Blickwinkel wurden erläutert, Tipps und Ratschläge gegeben und manchmal war ich anschließend genauso ratlos wie zuvor, denn es galt die vielen Informationen zu filtern und zu sortieren.
Nach und nach nahm alles konkrete Formen an, aber die Zeit bis zum Start auf die Via de la Plata wurde wesentlich länger als von mir geplant und erhofft.
Die Gesundheit spielte mir diverse Streiche und meinen geplanten Start für das Jahr 2009 musste ich schweren Herzens aufgeben. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben und so hoffte ich auf das Jahr 2010. Es gestaltete sich dienstlich in der Urlaubsplanung als nicht so leicht vier Wochen zusammenhängenden Jahresurlaub zu bekommen, aber irgendwie hat es dann geklappt – auch wenn vier Wochen definitiv nicht für die gesamte Strecke der Via de la Plata reichen. Für die gesamte Strecke von ca. 1000 Kilometer benötigt man ca. 6 Wochen. Aber dennoch habe ich mich gefreut, mich auf den Weg machen zu können.
Der Aufbruch nach Spanien wurde mir dann aus Gründen, mit denen ich niemals gerechnet hätte, sehr schwer gemacht. Im fernen Island brach der mir bis dahin unbekannte Vulkan Eyjafjällakökull aus und legte den gesamten europäischen Flugverkehr lahm. Mein Flug wurde storniert und auch sonst gab es keine Möglichkeiten mit Fernbussen oder Zügen in der nächsten Zeit meinen Startort, Sevilla, zu erreichen. Mein Urlaub schrumpfte dahin, aber fünf Tage nach meinem stornierten Flug bekam ich einen Ersatzflug und freute mich, mich endlich nach zwei Jahren Wartezeit, erneut auf den Weg zu machen. Allerdings konnte ich auch in Sevilla angekommen nicht direkt starten.
Durch das Flugchaos der vergangenen Tage, die verspäteten und durcheinander geratenen Flugpläne wurde mein Rucksack beim Umstieg in Palma nicht weiter geleitet.
Froh gelaunt, wenigstens – wenn auch komplett ohne Gepäck - schon einmal in Sevilla zu sein, habe ich diese Panne mit Humor genommen und den zusätzlichen Wartetag zur Besichtigung dieser wunderschönen Stadt genutzt.
Nach einem Tag Wartezeit wurde mein Rucksack in meine Pension geliefert und am darauf folgenden Morgen bin ich mit Einsatz der Dämmerung in meinen ersten Wandertag gestartet.
Viele Fragen geistern beim Start durch meinen Kopf. Was werde ich erleben, wird mein Körper den langen Distanzen gewachsen sein, wird mich dieser Weg nicht enttäuschen, kann ein zweiter Weg genauso wunderbar werden wie mein erster? Fragen über Fragen, die mir nur der Weg und die Zeit beantworten können.
Jetzt, im Nachhinein kenne ich die Antwort: Ja, ein weiterer Weg kann genauso prägen und beeindrucken, berauschen und wundervoll sein, wie ein erster Weg. Jeder Weg ist einzigartig und man darf die Erlebnisse und Wege nicht miteinander vergleichen, man muss sie so nehmen wie sie kommen. Die Wege sind so unterschiedlich, so anders, jede Begegnung individuell, aber jeder auf seine Art faszinierend.
Findet man auf dem Camino Francés eine sehr gute Infrastruktur, viele Ortschaften mit Herbergen und jede mögliche Streckendistanz, ist man auf der Via Plata auf die wenigen Unterkünfte, zum Teil weit auseinander liegend, angewiesen. Aufgrund der Entfernungen der Dörfer zueinander sind die Etappen oftmals vorgegeben. Es kommt durchaus vor, dass man an einigen Tag 30 Kilometer und mehr laufen muss, weil es zwischen den Dörfern nichts gibt als viel Natur, frische Luft und wunderschöne Landschaft. Andererseits ist es so, dass der Weg nicht überlaufen ist, dass ich an einigen Tagen niemanden während des Laufens getroffen habe und zu jeder Tageszeit ein Bett verfügbar war. Ich konnte meinen Zielort erreichen wann ich wollte, es gab immer ein Bett und so auch genügend Zeit sich am Wegesrand unter einen Baum oder auf einen Stein zu setzen um einfach die Ruhe, die Stille mit all ihren Geräuschen, wie das Rauschen des Windes, das Surren der Insekten und den Vogelgesängen zu genießen. Auch wenn denkt, dass es absolut still ist, wenn man sich die Mühe macht genau hinzuhören, hört man dass es in der Stille sehr viel zu hören gibt.
Gerade weil die Via Plata in vielen Teilen so einsam ist, sind die Begegnungen am Wegesrand umso herzlicher und bedeutender. Nie zuvor habe ich es erlebt, dass ein auf dem Feld arbeitender Bauer in der brütenden Mittagshitze mit einem Glas Wasser auf mich zukommt und es mir anbietet, ebenso meine fast leeren Wasserflaschen auffüllt. Dorfbewohner haben mich stolz auf dem Weg durch ihr Dorf begleitet um mir den Weg zu weisen, der bestens ausgeschildert war, aber sie wollten mir helfen und für mich da sein. Mir wurde frisches Gemüse aus privaten Gärten gereicht, ich wurde bei fremden Menschen zum Mittagessen eingeladen, ein Dörfler rief seine Frau an, die mir kurze Zeit später ein belegtes Brot mit dem Rad vorbeibrachte, an Privathäusern hingen Einladung zu Kaffee oder anderen Getränken aus.
Neben diesen vielen Begegnungen am Wegesrand gab es zusätzlich viel Kultur und Geschichte zu erleben und zu bestaunen. Gerade die ersten 500 Kilometer zwischen Sevilla und Salamanca sind durch die römische Vergangenheit geprägt.
Die Reise beginnt in der geschichtsträchtigen Stadt Sevilla und nur 10 Kilometer weiter stößt man auf die Ausgrabungen von Italica, dem Geburtsort der römischen Kaiser Trajan und Hadrian. In Merida sollte man ebenfalls einen Besichtigungstag einlegen. Merida ist eine wunderbare Stadt, geprägt durch die Römer – es gibt viele zu besichtigen und immer noch finden täglich neue Ausgrabungen in dieser Stadt statt. Amphitheater, römische Theater, alte Tempel, Bögen, große und kleine Aquädukte, Katakomben, Wohnhäuser, eine arabische Burg und vieles mehr gibt es neben dem großen Museum zu besichtigen.
Die Wege von einem Dorf zum nächsten führen durch eine wunderschöne Natur. Sowohl Andalusien als auch die Extremadra sind im Frühling ein Traum. Leuchtende Farben wohin das Auge blickt. Saftige grüne Wiesen, blühende Blumen in allen Farben, Bäume –Natur pur. In der Luft kreisen die Störche in der Thermik; Adler, Milane und mit viel Glück auch Schwarzstörche sind zu beobachten. Viele Wegabschnitte führen mitten durch Dehesas. In diesen großen Weidegebieten kommt es immer wieder zu Begegnungen mit den Weidebewohnern. Die ersten Kühe – mitten auf einem Hohlweg stehend – haben mir einen mächtigen Schrecken eingejagt und ich war froh, als plötzlich ein Pilger auftauchte, mich in den Arm nahm, und wir gemeinsam die Herde durchschritten. Ich bin mir sicher, auch José war in diesem Moment froh, nicht alleine zu sein. Kurz bevor wir die Herde erreichten, wichen die Kühe einen Meter auseinander und wir konnten hindurch schreiten. Diese massigen Tiere haben mir bei jeder weiteren Begegnung den Puls hochschnellen lassen, aber schon beim nächsten Treffen war ich alleine und ich schritt mutig voran. Genauso verhielt es sich mit Pferden und den schwarzen Schweinen, die mitten auf meinem Weg standen – oder eigentlich ihrem Weg – denn die Wege führen uns Pilger durch die weiten Weidegebiete. Außerdem gab es reichlich Begegnungen mit Schafen, Ziegen, und leider auch jede Menge Hunden.
Nie ist mir irgendetwas passiert, ich hatte immer das Gefühl, irgendjemand passt auf mich auf und hält seine Hand über mich, aber der Respekt ist geblieben.
Von Merida aus führt der Weg irgendwann nach Caceres, ebenfalls eine Stadt aus dem Unesco-Weltkulturerbe. Die mittelalterliche Stadt ist komplett erhalten, liegt auf einem Hügel und ist schon viele Kilometer vorher zu sehen. Auch Caceres ist sehr sehenswert, aber leider war ich zu einem falschen Zeitpunkt in diesem Städtchen. In der Altstadt fand ein Festival statt und dadurch war die Stadt überlaufen und furchtbar laut. Wenn man aus der absoluten Einsamkeit in einen solchen Trubel kommt, ist der Lärm und eine solche Menschenmenge kaum zu ertragen.
Lässt man Caceres hinter sich empfängt einen wieder die Einsamkeit, die Ruhe und die weite, wunderschöne Natur. In der Ferne sieht man langsam die Berge näher kommen und man weiß, irgendwann müssen sie durch- und überschritten werden. Bevor man sich an den Aufstieg Richtung Salamanca macht, kommt aber noch die 40Kilometeretappe, die durch den Arco de Caparra führt, einen römischen Bogen, der heute mitten in der Einsamkeit steht. Wer sich vor der langen Distanz fürchtet braucht aber keine Sorge haben. Ca. 6km abseits der Strecke gibt es in Oliva de Plascencia eine wunderschöne Herberge, die absolut empfehlenswert ist, auch wenn diese einen „Umweg“ bedeutet. Aus einer 40km-Etappe kann man durch den Abstecher nach Oliva de Plascencia zwei Etappen mit ca. jeweils 25 Kilometer machen und so ist auch diese Strecke für jeden machbar. Eindrucksvoll erhebt sich der römische Bogen mitten auf dem flachen Feld. Danach führt der Weg langsam, aber stetig bergan. Die Berge die anfangs noch so weit entfernt waren, kommen immer näher und irgendwann muss man hinauf um Salamanca zu erreichen.
Auf dem gesamten Weg von Sevilla nach Salamanca führt der Weg immer wieder durch Bachläufe und Furten. Diverse Male heißt es, Schuhe, Strümpfe und Hose ausziehen und durch das Wasser waten. Viele Bachläufe sind auch auf Steinblöcken oder wackeligen Steinen zu überqueren. Aber es kann auch vorkommen, dass das Wasser gar nicht tief aussieht und man plötzlich bis über die Knie im Schlamm versinkt und auch ein nur knietiefes Gewässer wirkt dann wesentlich tiefer als es ist. So einsam ich mich auf vielen Wegabschnitten gefühlt habe, war ich doch immer erstaunt, dass ich an Furten und Bachläufen häufig jemanden getroffen habe. Mit viel Gelächter wurden die Furten und Bäche durchquert, manchmal aber auch mit Respekt. Nach dem nassen Frühjahr 2010 standen einige Furten wirklich hoch und man hätte es nicht gedacht. Die Furt in Guillena, kurz hinter Sevilla, war nur mittels Bäumen, Sträuchern und in den Ästen gespannten Seilen zu überqueren. Bis heute frage ich mich wie die Radfahrer durch diese Furt gekommen sind, in der mir das Wasser bis zum Hals gestanden hätte.
Durch die Berge führt der Weg hinauf nach Salamanca, dem Endpunkt meiner ersten Reise auf der Via de la Plata.
Salamanca ist ein würdevoller Abschluss - wenn auch nicht Santiago de Compostela - eine absolut sehenswerte Stadt, voller quirligem Leben.
Hier beenden viele Pilger, genau wie ich, ihre Reise, aber viele starten in dieser wundervollen Stadt. Salamanca wird auch für mich, wenn ich irgendwann wiederkomme, mein Einstieg zu zweiten Hälfte der Via Plata werden.
Was ich nun aber noch nicht erwähnt habe, sind meine Mitpilger, die den Weg zu dem machten, was er war.
Ob es nun an dem vorherigen Vulkanausbruch und den dadurch nicht vorhandenen Reisemöglichkeiten lag, oder ob es in dieser Jahreszeit immer so einsam auf der Via Plata ist, wir waren ein kleines, gut überschaubares Trüppchen, von ca. 10-15 Fußpilgern, die sich täglich von einem Ort zum nächsten bewegten. Die Herbergslage ist überschaubar und so trifft man sich regelmäßig wieder. Die Altersspanne meiner Mitpilger war von jung bis alt und ich war erstaunt, doch so viele „alte“, aber erstaunlich fitte Pilger zu treffen. Meine Mitpilgerin Kelly, 20 Jahre aus Estland, die jüngste in der Truppe, Dermot aus Irland mit 75 Jahren der Älteste von uns. Jeder ist den Weg auf seine Weise gegangen und jeder hat sein Ziel erreicht. Nicht jeder so, wie es im Vorfeld geplant war, aber wir alle haben unser Ziel erreicht. Dermot, der zu Fuß gestartet ist, hat sich irgendwo auf der zweiten Weghälfte ein Fahrrad gekauft und hat sein Ziel radelnd erreicht. Kelly hat auf der zweiten Weghälfte Besuch von ihrem Freund bekommen und sie sind gemeinsam in Santiago eingelaufen.
Mein „persönlicher Engel“ Alois hat ebenso wie ich in Salamanca den Weg beendet und sich im Folgejahr wieder auf den Weg gemacht. Leider konnten wir den Weg nicht gemeinsam fortsetzen und beenden, aber auch das ist der Weg. Man trifft sich, lernt sich kennen, verbringt eine Zeit miteinander und verabschiedet sich wieder – und wenn man Glück hat besteht der Kontakt auch nach Beendigung der Reise weiterhin.
Alois, der vom Alter mein Vater sein könnte, und ich begegneten uns schon am ersten Wandertag zufällig in Italica bei der Besichtigung der römischen Ausgrabung. Ich habe Alois nicht als Pilger erkannt und hätte nicht gedacht, dass ich ihn wieder treffe. In Italica erklärte er anderen Touristen etwas zu dieser schönen Ausgrabungsstelle und auch ich stellte mich abseits dazu und hörte seinen Erklärungen zu. Alois, damals 70 Jahre alt, hatte nur einen kleinen Rucksack auf dem Rücken, einen kleinen Tagesrucksack, mehr nicht.
Nach der Besichtigung holte ich meinen Rucksack wieder an der der Pforte ab und lief weiter Richtung Guilena. Damals, 2010, gab es in Guilena nur eine kleine Unterkunft am Sportplatz, aber als ich ankomme stelle ich entsetzt fest, dass diese Unterkunft momentan geschlossen ist und es nur noch die alte Notunterkunft gibt. In der abbruchreifen, dreckigen, stinkigen Umkleide am Sportplatz liegen zwischen Bauschutt und fehlenden Toilettentüren einige Pappen, auf denen man nächtigen darf. Mich ergreift das Grauen!
Ich bin als Pilger nicht anspruchsvoll, aber hier zu nächtigen kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Bevor ich wie ein Obdachloser auf harter Pappe schlafe, schlafe ich liebe auf meiner Isomatte unter freiem Himmel. Verzweifelt suche ich nach einer Alternative, aber im einzigen Hotel im Ort sind alle Zimmer ausgebucht. Plötzlich taucht Alois in der Bar des Hotels auf und bietet mir das zweite Bett in seinem Doppelzimmer an. Ich kenne diesen Mann nicht, würde so ein Angebot eigentlich niemals annehmen, aber erleichtert, den Tränen nahe, nehme ich die Hilfe an. Und so beginnt unsere gemeinsame Zeit auf der Via Plata.
Das erste Wunder, an meinem ersten Tag, nachdem ich mich morgens schon um einige Kilometer verlaufen habe, und mich mal wieder fragte, ob irgendwer nicht möchte, dass ich die Via Plata laufe. Ständig irgendwelche Komplikationen bei dem Versuch auf die Via zu kommen.
Alois und ich treffen uns bis zum letzten Tag regelmäßig wieder, dabei verabreden wir uns nur selten, aber wir begegnen uns auf dem Weg oder in den Dörfern meist zufällig. Dreimal haben wir uns auf dem Weg voneinander verabschiedet, gedacht, wie träfen uns nie wieder, aber irgendwie sind wir uns immer wieder über den Weg gelaufen.
Ich bin dankbar um diese Begegnungen, unsere gemeinsamen Gespräche, das gemeinsame Laufen und Schweigen, Lachen und Weinen.
Unsere Streckenplanungen unterschieden sich mehrfach, aber irgendwas hat uns immer wieder zusammengeführt.
Immer wieder stießen auch andere Pilger zu uns hinzu, aber niemanden anders habe ich auf den 500 Kilometern so regelmäßig und häufig gesehen, wie Alois.
Ich bin froh und dankbar, ihn, alle anderen Mitpilger und die Dorfbewohner kennen gelernt und getroffen zu haben, denn sie und die Begegnungen am Wegesrand machten den Weg für mich zu dem, was er war – MEIN WEG!
Da die ersten 500 Kilometer der Via Plata so überwältigend, wunderschön und einmalig waren, war mir schon vor meiner Heimreise bewusst, ich komme wieder, ich setzte diesen Weg fort.
Routiniert wie ich inzwischen bin, muss ich mir im Folgejahr leider keine Gedanken mehr zu Rucksackinhalt und Packliste machen. Mein Reiseführer zur Via Plata ist speckig und abgegriffen, mit diversen Eselsohren, persönlichen Einträgen und Email-Adressen meiner ehemaligen Mitpilger – ich liebe dieses Buch und habe es schon unzählige Male gelesen.
Und auch wenn ich den schon begonnen Weg fortsetze weiß ich, dass auch diese zweite Hälfte der Via de la Plata ein für mich ganz eigenständiger Weg wird. Neue Begegnungen, Städte und Ereignisse werden auf mich warten und mir die Kraft geben die vor mir liegenden 500 oder 600 Kilometer zu laufen. Von Salamanca nach Santiago de Compostela sind es ca. 500 Kilometer, bis zum Atlantik noch einmal 100 Kilometer mehr. Dieses Mal möchte ich meinen Weg nicht in Santiago, sondern am Meer in Finisterra beenden.
Der Start meiner Reise bereitet erneut Probleme. Keine zwei Wochen vor meiner Abreise nach Salamanca macht die Gesundheit mal wieder Probleme und ich lande kurzfristig im Krankenhaus und auf dem OP-Tisch. Aber alles geht glatt, kurz vor dem Start noch schnell die Fäden ziehen, und mit Genehmigung des Arztes geht es los.
In Salamanca steuere ich direkt die Altstadtherberge an, in der ich im Vorjahr meine letzte Pilgernacht verbracht habe. Die Ankunft in Salamanca fühlt sich an wie ein„Nach-Hause-kommen“. Bei bestem Wetter schlendere ich durch die Stadt und genieße die Vorfreude auf den Weg.
In den ersten Tagen merke ich noch, dass ich leicht geschwächt gestartet bin, dann bessert sich die Kondition täglich. Die ersten zwei Etappen hinter Salamanca sind nicht sonderlich schön. Der Weg führt mich viele Kilometer über den Seitenstreifen einer stark befahrenen Straße, aber dann geht es wieder hinaus in´s Grüne –oder besser gesagt in´s Braune. Der Weg führt einsam durch die Ausläufer der Meseta, es ist gerade Mitte April und viele Felder sind noch nicht bestellt. In meiner ersten Wanderwoche treffe ich wirklich absolut niemanden auf dem Weg. Ich bin ganz allein in Gottes weiter Natur. Im Laufe des späten Nachmittages treffen immer noch einige wenige Pilger in den Herbergen ein, aber überwiegend bin ich allein.
Diese Einsamkeit stört mich nicht, ich fühle mich wohl in ihr.
Auf so einem einsamen Weg ist es wichtig, dass man sich mit sich selbst wohl fühlt. Die Ruhe bietet viele Chancen über sich selbst nachzudenken, einfach abzuschalten und einen freien Kopf zu bekommen.
Spät nach mir trifft jeden Nachmittag Pilger Wolfgang ein, mit dem ich mich ein wenig unterhalte. Wolfgang ist die Via Plata schon mehrfach gepilgert und macht mir zeitweise Angst mit seinen Erzählungen. Er befürchtet Bettennot aufgrund der Ostertage, die vor uns liegenden Berge klingen in seinen Berichten doppelt so hoch und scheinbar unüberwindbar, und, und, und…
Zamora ist ein weiterer kultureller Höhepunkt und für viele, viele Kilometer erst einmal die letzte größere Stadt auf dem Weg. Bis Ourense, so ca. 350-400 Kilometer entfernt, führt die Via Plata nur durch kleinste Städte und Dörfer, durch die Einsamkeit.
So stabil wie die Wetterlage vor einem Jahr auf dem Weg war, so instabil und wechselhaft ist sie nun. Von Sonne, kaltem Wind, Regen, Sturm und Unwetter ist alles dabei, aber irgendwie passt alles. Zeitweise ist es bei den kühlen Temperaturen schwer, seine Kleidung zu trocknen, in den Herbergen greifen alle auf zusätzliche Wolldecken zurück und jeder ist zufrieden, wenn er nachts gut und warm schläft und erholt in den nächsten Tag starten kann.
Vor mir liegen drei Bergpässe, teils weite Etappen übe etliche Hügelkämme und noch ist das Wetter furchtbar, die Unwetterfront hält an.
Morgen muss ich über den ersten Pass und wenn ich mir den Himmel anschaue, kann ich mir nicht vorstellen, dass das Wetter sich schnell ändert. Am Nachmittag gehe ich noch in die Karfreitagsmesse und bitte um Wetterbesserung. Am nächsten Morgen, ich kann es kaum glauben, strahlender Sonnenschein bei kühlen Temperaturen. Es ist kalt, aber klar und trocken und so begebe ich mich gutgelaunt hinauf zum Pardonelo-Pass. Der Weg ist wunderschön, wenn auch noch matschig und zum Teil unter Wasser, aber ich genieße ihn. Es wäre so schade gewesen, diese Etappe auf der Alternativroute Straße zu gehen, aber bei einem Unwetter wäre der Orginalweg nicht machbar gewesen.
Rechts und links von mir plätschert das Wasser in den Bächen, die Sonne kommt hoch und die Natur dampft. Mit jedem Schritt gewinne ich an Höhe und ich genieße die Blicke in´s Tal. Oben am Pass gibt es erst einmal im Hotel einen leckeren Kaffee, bevor ich wieder in das nächste Tal herab klettere.
Erleichtert stelle ich fest, dass es auch mir, die ich aus einer Gegend komme, wo fast nichts höher als eine Kanalbrücke ist, es möglich ist, einen Berg zu erklimmen.
Mehrere Pässe stehen in den nächsten Tagen noch an, aber ich mache mir keine Sorgen mehr um sie. Genau wie ich den steilen Abhang am Rio Esla und den Pardonelo-Pass emporgestiegen bin, überwinde ich auch die in den nächsten Tagen die anstehenden Pässe.
Die Einsamkeit der ersten Tage ist vorbei, inzwischen begegne ich täglich etlichen Pilgern –einigen auf dem Weg – einigen immer nur in den Herbergen. Es geht international zu. Irland, Österreich, Deutschland, Kanada, Frankreich, Südafrika etc. Zwei Österreicher, die sich auf der Via zufällig getroffen habe, treffe ich inzwischen täglich. Morgens starten wir gemeinsam, irgendwann ziehen sie von dannen, derweil ich Fotos mache, und im nächsten Café erwarten die Beiden mich zu einem Pläuschchen. Nach einer gemeinsamen Pause laufen wir wieder gemeinsam weiter, bis ich wieder aufgrund der Fotografiererei zurückfalle.
Auch auf der zweiten Hälfte der Via ereignen sich wieder viele schöne Dinge. Mitten in der Einsamkeit halten Autofahrer neben mir an, nur um sich zu erkundigen ob es mir gut geht oder ob ich Hilfe oder Wasser benötige. Während der Ostertage treffe ich auf einen Bauern, der sich Sorge macht, dass es aufgrund der Feiertage zu voll im nächsten Ort ist, dass die Betten knapp wären. Schnell ruft der Bauer einen befreundeten Hotelbesitzer im Ort an, der für den Fall dass die Pilgerherberge belegt sein sollte, ein Bett zu Sonderkonditionen bereithält. Ich habe dieses Bett nicht gebraucht, aber die Geste war nett.
Leider habe ich in einem Örtchen die Beschilderung zur neuen Herberge übersehen und laufe in das Gebäude, dass ich für die Pilgerherberge halte und in der sich früher auch die Herberge befand. Klitschnass durch einen plötzlich einsetzenden Regenguss renne ich in das Gebäude hinein und stehe peinlich berührt mitten in einer Totenfeier. Leise schleiche ich mich wieder hinaus, aber ein alter Herr folgt mir, erklärt mir den Weg zur Herberge und fährt mich dann aufgrund des Gewitters plötzlich mit seinem Auto zur Herberge. Warum vertraue ich allen Leuten auf dem Weg? Warum mache ich mir keine Sorgen um Dinge, die ich daheim niemals tun würde? Ich weiß es nicht, aber ich fühle mich auf dem Weg so sicher, so wohl und getragen, dass ich das Gefühl habe es kann nichts passieren.
Täglich, mit jedem Schritt, rückt Santiago de Compostela näher. Ich bin immer wieder hin- und her gerissen. Einerseits ist es schön, morgens mit Begleitung zu starten, in den Bars von Mitpilgern erwartet zu werden, abends ein für mich freigehaltenes Bett vorzufinden, andererseits fühle ich mich in der Gegenwart meiner Mitpilgerin, die ich nicht mehr los werde, nicht wirklich wohl.
Meine Mitpilgerin plant jeden Tag genau durch, muss genau wissen was kommt und gerade dass ist es, was ich auf diesen Wanderungen so mag. Morgens aufstehen, loslaufen und irgendwann irgendwo ankommen und sich am Tag erfreuen. Und andererseits: es ist schön, nicht alleine zu sein.
Gemeinsam, insgesamt zu dritt, laufen wir die letzten Tage auf unser Ziel zu.
2008 wollte ich nicht alleine an der Kathedrale ankommen und freute mich am Monte de Gozo meine Pilgerfreunde Frank und Sandor zu treffen. Gemeinsam liefen wir in die Altstadt hinein und freuten uns strahlend im Regen stehend angekommen zu sein.
Dieses Mal habe ich das Bedürfnis alleine in Santiago anzukommen, aber der Wunsch geht nicht in Erfüllung. Mit meinen beiden Mitpilgern erreiche die Kathedrale, und es regnet mal wieder, so wie bei meiner ersten Ankunft 2008.
Ich freue ich da zu sein, aber innerlich fühle ich mich nicht angekommen.
In der Pilgermesse treffe ich etliche meiner Mitpilger und freue mich, sie ein letztes Mal zu sehen, mit ihnen zu reden und mich verabschieden zu können.
Nach der Messe setzen wir uns noch gemeinsam in eine Altstadtbar und freuen uns über die Ankunft und den zurückgelegten Weg. 1000 Kilometer voller Erlebnisse und Eindrücke.
Ich bin da, und irgendwie innerlich nicht am Ziel. Da mir noch vier Tage bis zum Rückflug bleiben, mache ich mich auf den Weg zum Atlantik. Ich möchte Finisterra zu Fuß erreichen, den Weg laufen, den ich drei Jahre zuvor aus Zeitmangel mit dem Bus absolviert habe.
Die letzten 100 Kilometer schlauchen noch einmal ordentlich, aber überall herrscht eine lockere, freudige Stimmung. Alle meine Mitpilger, haben genau wie ich, ihr großes Ziel Santiaog de Compostela, erreicht. Diese letzten 100 Kilometer sind das i-Tüpfelchen, das Sahnehäubchen auf dem Weg, aber auch der Abschied vom Weg. Nachdem ich in den letzten drei Wochen fast täglich die gleichen Menschen getroffen habe, mischen sich die Pilger hier ganz neu. Ein großer Teil der Pilger haben Santiago über den Camino Francés erreicht, einige wenige sind über den Camino Primitivo und einige vom Camino del Norte gekommen und ich von der Via de la Plata. Wir tauschen uns über die gelaufenen Kilometer, über unsere Eindrücke und Erlebnisse aus, schauen freudig zurück und wehmütig voraus. So schön wie es ist, in Kürze von seinen Lieben daheim empfangen zu werden, so schade ist es, vom Weg Abschied zu nehmen.
Von Santiago laufe ich über Negreira nach Olveiroa. Nur noch eine Etappe steht mir bevor, als ich feststelle, dass es für mich keinen passenden Bus von Finisterra zurück nach Santiago gibt. Der einzige Bus der übermorgen, dem Tag meines Abfluges, zurück nach Santiago fährt, fährt so spät, dass es fraglich ist, ob ich meinen Flieger pünktlich erreiche. Da der Busfahrplan von Muxia Richtung Santiago wesentlich günstiger für mich ist, beschließe ich spontan meinen Weg in Muxia zu beenden.
An meinem letzten Wandertag werde ich früh morgens vom prasselnden Regen geweckt. Es regnet nicht nur, nein: es schüttet.
An meinem letzten Tag kann mich nichts mehr erschüttern und auch wenn es heute wieder fast 38 Kilometer sind: ich gehe meinen Weg heute zu Ende, egal ob es regnet oder stürmt.
Nach wie vor führt der Weg auf und ab, die Wege sind verschlammt und eine Wetterbesserung ist nicht in Aussicht. Einige Mitpilger überlegen ein Taxi zu mieten oder einen Bus zu nehmen – sollen sie – ich laufe. Ich kämpfe mich durch Dreck und Schlamm über die Hügel und durch grüne Wiesen und plötzlich scheint sich am Horizont der Himmel etwas zu lichten. Der Himmel wird heller und irgendwann, es kann nicht mehr allzu weit bis zum Ziel sein, kommt die Sonne hervor.
Unter einem klaren, blauen Himmel überquere ich eine Bergkuppe und ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube den Atlantik zwischen den Tannen schimmern zu sehen. Noch bin ich mir nicht sicher, aber mit jedem weiteren Schritt weiß ich, du hast es geschafft! Den abwärts führenden Weg renne ich beinahe runter und als ich unten an der Bucht stehe, kann ich meine Tränen kaum zurückhalten. Ich habe es geschafft! Jetzt, in diesem Moment, fühle ich mich angekommen, ich fühle mich am Ziel, auch wenn es noch ca. 8 Kilometer bis Muxia sind. All die Gefühle die ich bei der Ankunft in Santiago vermisst habe, kommen mir beim Anblick des Meeres. Was für ein letzter Tag: Start bei dicksten, schwarzen Regenwolken und Wolkenbrüchen, Sturm, Nebel und nun Sonnenschein und ein türkis-blaues Meer vor mir. So gerne ich bei der Ankunft in Santiago alleine gewesen wäre, so sehr wünsche ich mir nun meine Mitpilger herbei um meine große Freude mit ihnen zu teilen– aber ich bin schon seit einiger Zeit niemanden mehr begegnet.
Bis zur Ankunft in Muxia zieht sich der Weg noch einmal in die Länge, führt wieder vom Meer weg. Ich umrunde die Bucht von Muxia, checke in der Herberge ein, dusche, wasche ein letztes Mal meine Wäsche mit der Hand und begebe ich auf die letzten Meter zum Kap.
Als ich die Herberge verlasse, kann ich nicht glauben, was ich sehe. Der Himmel hat sich in kürzester Zeit wieder tief schwarz verfärbt, der Wind pustet mir die Gischt um die Ohren, das Meer peitscht die Wellen an das Land.
Obwohl ich es mir so schön vorgestellt habe, in der Abendsonne am Kap zu sitzen, laufe ich gut gelaunt zur Kirche am Kap. Ich steige den Hügel am Kap zum Kreuz hinauf, fühle mich dabei wie ein Vogel im Wind und schaue aus der Höhe auf das Meer und in die Richtung aus der ich gekommen bin.
Der nächste Regenguss setzt ein und ich betrete die Kirche und erfreue mich an der Ruhe und Stille um mich herum.
Draußen tobt ein Unwetter, das Meer wütet und ich genieße den Kirchenraum und danke für alles was ich auf den hinter mir liegenden 1100 Kilometern erleben durfte: MEINEN WEG!

Ich fühle mich angekommen, ich bin am Ziel!







Camino del Norte
-ein Teilstück

Der Wunsch mich auf den Camino del Norte zu machen war nicht so groß und von vielen Zweifeln im Vorfeld begleitet. Entstanden ist der Entschluss mich auf diesen Weg zu machen aus dem Wunsch im Jahre 2013, zu meinem 40. Geburtstag, den Camino Primitivo zu laufen. Vom Camino Primitivo habe ich schon viele beeindruckende Dinge gehört, gelesen und wunderbare Fotos gesehen. Diesen Weg wollte ich mir im zum Geburtstag schenken und der Gedanke an den Primitivo kam mir schon auf dem zweiten Teilsstück der Via de la Plata.
Da ich keine besonderen Pläne für meinen Jahresurlaub 2012 hatte, beschloss ich als Zubringer zum Camino Primitivo den Camino del Norte zu laufen. Aber der Camino del Norte oder Jakobus hat im Jahr 2012 nicht sehr laut nach mir gerufen.
Auf der Suche nach Informationen fand ich viele widersprüchliche Informationen, Erlebnisberichte und Gedanken. Nicht alles was ich las, kam bei mir positiv an. Das Höhenprofil des Weges und die marode Gesundheit und meine Zipperleinchens vom Frühjahr ließen mich sehr viel zweifeln und grübeln, ob es der richtige Zeitpunkt und der richtige Weg für mich ist.
Auch wenn ich schon seit längerem geahnt hatte, dass irgendwas - was auch immer - mit mir nicht stimmt, hat mich die Diagnose Multiple Sklerose, vier Wochen vor dem geplanten Start sehr geschockt. Einerseits erleichtert endlich eine Erklärung und Diagnose für meine immer mal wieder mehr oder weniger auftretenden Beschwerden zu haben und für das Gefühl, dass ich körperlich irgendwie schlechter zurecht bin, andererseits voller Zweifel wie es nun mit mir weitergeht, beschloss ich dennoch zu starten. So sollte dieser Weg, der körperlich sehr anstrengend sein soll, ein echter Pilgerweg werden. Ein Weg auf dem ich viele Gedanken sortieren wollte und mir beweisen wollte, dass trotzdem alles möglich ist, was ich mir vornehme. Ich wollte, das meine nicht heilbare Erkrankung keine Oberhand gewinnt, dass alles so weitergeht wie bislang.
So startete ich im Juni 2012 voller Zweifel, Sorgen, Gedanken, aber mit Hoffnung und einem Rucksack voller Bitten und Gebete auf meinem Weg.
Dieser Weg, oder das Teilstück des Weges von Hondarribia bis Islares, war so ganz anders als alle meine vorherigen Pilgererfahrungen. Er unterschied sich in vielen Dingen von meinen vorherigen Wegen. Wusste ich sowohl auf dem Camino Francés als auch auf der Via Plata instinktiv, dass ich mein Ziel erreiche, war ich mir mit meinem ersten Schritt auf dem Weg zur ersten Herberge des Weges schon sicher, dieses Mal mein mir gestecktes Ziel nicht zu erreichen. Es würde nur eine Frage der Zeit sein, bis mich sowohl die physische, als auch die psychische Kraft verlassen würde.
Vom ersten Schritt an verlangte der Küstenweg meine volle Kraft und Konzentration von mir. Täglich gab es sehr viele Höhenmeter, aufwärts und abwärts, zu bewältigen. Dabei war das Wetter entweder sehr schlecht oder sehr gut und dabei schon zu heiß.
Bereits kurz nach meiner Ankunft bewölkte sich der Himmel zunehmend und abends rollte der Donner durch die Berge und machte einen höllischen Lärm. Meinen ersten Wandertag startete ich im stärksten Regen und kämpfte mich durch Schlamm und Geröll den Monte Jaizkibel hoch. Laut Reiseführer sollte es hier einen wunderbaren Blick auf den Atlantik geben, aber außer ganz vielen Nebelschwaden bekam ich in der Ferne nichts zu sehen – nur die wenigen Meter vor mir konnte ich erkennen. So schlecht das Wetter an meinem ersten Tag war, so gut oder schlecht war es auch an meinem letzten Wandertag. Morgens um 10 Uhr kletterte das Thermometer bereits auf 36 Grad im Schatten hinauf. Weder das eine noch das andere Extrem war für mich zum Wandern geeignet.
In mir kam auf diesem Weg nur selten das mir bekannte Pilgerfeeling auf. Die Pilger die ich traf waren alles Einzelkämpfer und es entstand kein Gemeinschaftsgefühl. Auf allen meinen Wegen bin ich die Etappen alleine gelaufen, habe zwischendurch mal Pilger getroffen, mit ihnen gesprochen und mich dann wieder getrennt – und ich habe diese Art zu pilgern immer genossen. So gerne wie ich alleine auf dem Weg unterwegs war, so sehr habe ich mich in der Herberge über meine Mitpilger gefreut, über den Austausch, das gemeinsame Essen, Schweigen und Genießen auf dem Weg zu sein. Aber dieses Gefühl kam in mir nicht hoch, was auch damit zu tun haben kann, dass es auf dem Weg, oder zumindest auf der von mir zurückgelegten Strecke, nur wenige Herbergen gab. Am Ankunftstag habe ich in Hondarribia der der wunderschönen touristischen Herberge, einer alten Mühle, geschlafen und war dort fast alleine. In San Sebastian gibt es keine Herberge, was bedeutete, dass sich jeder irgendwo einen Schlafplatz suchte, die Jugendherberge war so gut wie ausgebucht. Der nächste strategisch gut gelegene Ort Zarautz hatte auch wieder keine Pilgerherberge, nur eine ausgebuchte Jugendherberge. Da mir dieses schon zuvor bekannt war, habe ich erstmals auf meine Pilgerreisen, einen Bus gen Osten, zurück dorthin, woher ich gekommen bin, genommen. Orio, ca. 7km vor Zarautz gelegen hat eine wunderbare Herberge, eine kleine Oase mit ganz viel Seele. In der Herberge von Rosa ließ ich meinen Rucksack zurück, pilgerte ohne Gepäck nach Zarautz, stempelte meine Credencial und fuhr mit dem Bus die gleiche Strecke wieder zurück. Am nächsten Morgen nahm ich wieder den Bus um von Zarautz aus weiterzulaufen. Die Herberge in Deba war in einer alten, verschimmelten Schule untergebracht und auch hier, auch wenn ich keinen Luxus erwarte und benötige und eigentlich total pflegeleicht und anspruchslos bin, fühlte ich mich nicht wohl. Am nächsten Morgen der Aufstieg von Deba, den Berg hinauf, schaffte ich aufgrund körperlicher Beschwerden nicht und nahm den Bus, um von der Höhe des Berges aus weiterzulaufen. Der Priester in der Klosteralbergue war nicht einverstanden damit, dass ich den Weg mit dem Bus abgekürzt hatte und meine Erläuterungen, dass ich aus gesundheitlichen Gründen, ständigem Fallen aufgrund schlechtem Gleichgewichts auf sehr holperigen, engen und steilen Waldwegen, nicht habe laufen können, wollte oder konnte der Klosterbruder nicht verstehen und nur widerwillig gab er mir ein Bett in der Herberge. Am nächsten Tag in Gernika gab es auch wieder keine Unterkünfte, ich habe ein Hotelzimmer bekommen, aber viele Mitpilger mussten am Ende des Tages den Bus nehmen um irgendwo ein Bett zu finden. Auch in Bilbao gab es wieder nur eine Jugendherberge oder aber viele teure Hotels und jeder schlief dort wo er ein günstiges Bett bekam. Aufgrund dieser Begebenheiten kam kein Gemeinschaftsgefühl auf. Auch gab es wenig tolerante Pilger die meine Art den Weg zu laufen (auch notfalls mit dem Bus zu fahren) nicht akzeptieren konnten.
Warum kann nicht jeder so „seinen“ Weg gestalten, wie es für einen richtig ist? Gibt es nur eine„richtige“ Art zu pilgern?
Trotz all dieser Begebenheiten die dazu führten, dass ich mich auf dem Weg nicht zu Hause fühlte, mich nicht so darauf einlassen konnte, wie in den Jahren zuvor, darf ich nicht vergessen zu erwähnen, dass es dennoch viele schöne Momente gab.
Die Natur war wunderschön, sehr hügelig, aber wunderschön und von großer Ruhe. Die Blicke über den Atlantik, besonders bei Sonnenschein, waren grandios – aber mir fehlte oft die innere Ruhe den Blick und die Ruhe zu genießen. Einerseits hatte ich immer im Hinterkopf, dass ich wieder mal einen Ort ohne Herberge erreiche und mich nach der Ankunft auf die Bettensuche begeben muss, andererseits quälten mich vom ersten Tag an körperliche Beschwerden, von tauben Füßen, Schmerzen in der Achillessehen und der Ferse, Blasen (hatte ich nie zuvor auf den vorher schon zurückgelegten 2000 Pilgerkilometern), große körperliche Erschöpfung, die auch mit meiner Grunderkrankung zu tun haben und, und, und…
Oft habe ich mich gefragt, was ich da gerade tue, warum ich mir das antue und wie lang ich diese Strapaze durchhalte und ich war mir bewusst, dass ich in diesem Zustand und unter diesen Bedingungen aller Wahrscheinlichkeit nach keine 500 Kilometer durchhalte.
Dass ich den Weg so plötzlich, von jetzt auf gleich abbreche und zur nächsten Bushaltestelle Richtung Heimat laufe, habe ich an meinem letzten Wandertag morgens noch nicht geahnt.
Eigentlich hatte ich am Vortag in der Herberge in Castro Urdiales, einem schönen Küstenort und bei bestem Badewetter, bleiben wollen. Aber direkt nach meiner Ankunft in diesem Ort, noch in einer Bar sitzend, beschloss ich die nächsten Kilometer bis nach Islares anzuhängen. Islares würde am nächsten Tag, strategisch-kilometertechnisch, besser in die Planung meiner Tagesetappen passen. Also weiter! Nur kurz hinter Castro Urdiales merkte ich, wie mich die Kraft verließ, und je weniger Energie und Kraft ich habe, desto schlechter laufe ich. Bei heißestem Sonnenschein schwankte ich den Berg hinauf nach Islares. Erleichtert meinen Zielort erreicht zu haben, fiel ich beim Anblick der Betten vom Glauben ab. 2cm Schaumstoff auf harten Holzbrettern, drei Etagen übereinander auf einer Höhe, in der man sonst niedrige Doppelstockbetten vorfindet. Die Nacht war grausam, unter den Mitpilgern kam kein Gespräch auf und die Stunden bis zum Tagesanbruch wollten nicht vergehen.
Mit Sonnenaufgang stand ich auf und machte mich auf zur nächsten Etappe, Frühstücken wollte ich im nächsten, ca. 4,5 Kilometer entfernten Dorf. Schon am frühen Morgen war es elendig heiß, die Sonne knallte vom Himmel. Mit vielen Schmerzen und total erschöpft von den hinter mir liegenden Kilometern und der schlaflosen Nacht auf harten Holzbrettern, erreichte ich meinen Frühstücksort. Die Bar hatte geschlossen, außer Wasser hatte ich keinen Proviant dabei, saß ich vor der geschlossenen Bar. Total frustriert saß ich in diesem verlassenen Dorf und musste mir meine Tränen verkneifen. Der nächste, vor mir liegende Ort war noch 14 Kilometer entfernt, die Hitze wirkte sich negativ auf meine MS aus, das Gleichgewicht war total marode, die Füße voller Blasen, die Sehnenansätze entzündet und von jetzt auf gleich beschloss ich meinen Weg hier, jetzt und sofort zu beenden.
Dass der momentane Zeitpunkt nicht der richtige für einen anstrengenden, weiten Pilgerweg durch die Berge und Hügel Nordspaniens ist, war mir schon vor Beginn der Reise klar, aber ich wollte es ausprobieren, mir nicht eingestehen, dass ich nicht so kann, wie ich gerne möchte. Dass der Schluss so schnell und plötzlich kommt, habe ich mir vorher nicht gedacht. Noch am Morgen bei Beginn der Tagesetappe war ich mir nicht bewusst, dass ich drei Stunden später im Bus gen Heimat sitze.
So plötzlich und unerwartet das Ende meiner Reise kam, so genau wusste ich aber, dass es genau der richtige Zeitpunkt ist, dass es so sein soll.
Am Flughafen in Bilbao sitzend, in dem Ort den ich zwei Tage zuvor durchpilgert hatte, war ich nun wieder – nur nicht mehr als Pilger, sondern als Tourist und noch am gleichen Tag war ich wieder zu Hause. Erleichtert zurück zu sein, aber froh es ausprobiert zu haben.

Auch wenn dieser Bericht relativ negativ klingt, soll das nicht heißen, dass der Camino del Norte es nicht wert ist erpilgert zu werden. Der Küstenweg ist wunderschön, die Landschaft ist toll, das Meer grandios und sicher gibt es noch viele tolle Herbergen, solche Kleinode wie in Orio und in Pobena, aber es war nicht „mein“Weg und es war einfach der falsche Zeitpunkt – und wenn ich mir gegenüber ehrlich gewesen wäre, hätte ich bereits vor dem Start gewusst, dass ich momentan diesem Weg nicht gewappnet gewesen wäre.
Aber ich habe den Versuch den Weg zu pilgern nicht bereut, es gab viele schöne Momente in denen ich genossen habe und die es wert waren die Strapaze auf sich zu nehmen.
Und es hat so sollen sein, denn wäre ich nicht vorzeitig vom Küstenweg zurückgekommen, hätten sich andere Dinge nicht ergeben um die ich sehr froh bin.
Irgendwie richtet sich alles zum Guten und nur weil ich mein Ziel nicht erreicht habe, fühle ich mich nicht gescheitert. Natürlich habe ich sehr schnell aufgegeben, habe mir keine zweite Chance gegeben, vielleicht hätte eine Auszeit gut getan, aber ich weiß, dass auch eine ausgiebige Pause nichts an meiner momentanen Konstitution geändert hätte und es war gut ehrlich mir selbst gegenüber zu sein. Auch diese Begebenheit stärkt einen und zeigt wie wichtig es ist auf seine innere Stimme zu hören.






Camino Primitivo, Mai 2014

Schon mit dem Ende meines ersten Pilgerweges, dem Camino Francés, kam der Wunsch auf, erneut auf einen Weg zu starten. Ich recherchierte, stöberte durch Foren, las Berichte und so kam nach und nach eine kleine Liste verschiedener Wege zusammen die ich gerne laufen würde: die Via de la Plata und der Camino Primitivo.
2008 startete ich meinen ersten Jakobsweg und tief berührt kam ich zurück und wusste: dass war nicht mein letzter Pilgerweg. 
2009 konnte ich aus gesundheitlichen Gründen nicht starten und verschob das Projekt Via de la Plata auf 2010. Da die Via Plata zu lang für mich und meinen vorhandenen Jahresurlaub war, lief ich sie in zwei Etappen. 
2010 lief ich von Sevilla 500 wunderbare Kilometer bis Salamanca. Salamanca war ein würdevoller Abschied von einem beeindruckenden, wunderbaren Weg – mein ganz spezieller Jakobsweg. Ich habe wirklich gespürt, dass es irgendeine höhere Macht gibt, die mich begleitet und die beschützend eine Hand über mich hält. Mein Pilgerfreund Aloys war dabei „mein“ persönlicher Engel, der mir geschickt wurde. 
Salamanca stellte 2011 dann den Startpunkt der zweiten Hälfte der Via de la Plata dar. Die zweite Hälfte der Via de la Plata war landschaftlich und von den Begegnungen her ganz anders als die ersten fünfhundert Kilometer, aber genau so prägend. Die Via de la Plata ist bis heute mein Lieblingsweg geblieben. Schon bei meiner Ankunft in Santiago und später in Muxia am Atlantik wusste ich, dass ich mir 2013 zu meinem 40. Geburtstag den Camino Primitivo schenken werde.

Zwei Jahre ohne Pilgern? Irgendwann kam ich auf den Gedanken 2012 dem Camino Primitivo entgegenzulaufen und so startete ich kurz hinter der französich-spanischen Grenze und folgte der Atlantikküste Richtung Oviedo. Der Camino del Norte war nicht mein Weg. Der Weg war geprägt von großer Hitze, einem Wettrennen nach Betten (spanische Ferien), Schmerzen und Sorgen, da ich vier Wochen vor dem Start die Diagnose Multiple Sklerose bekommen hatte.

Ich wollte mir beweisen, dass ich dennoch das schaffe, was ich mir vorgenommen habe, vielleicht wollte ich der Diagnose auch davon rennen. Es kam wie es kommen musste: Nach 10 Tagen beendete ich ganz spontan meinen Weg. Der del Norte stand nie wirklich auf meiner Wunschliste, hat nie nach mir gerufen, und ich musste einsehen, dass es einfach der falsche Weg zum falschen Zeitpunkt war, aber auch dieser Weg hatte seine Reize – die Atlantikküste, ein Traum! Auch wenn ich im ersten Moment enttäuscht war, dass ich so schnell aufgegeben habe, es war richtig!

Daheim musste ich erst einmal die noch frische Diagnose sacken lassen, mich an ein Leben mit regelmäßigen Medikamenten und Untersuchungen gewöhnen und mein Leben der Krankheit anpassen, aber das Leben geht immer weiter.

Ich lernte mit der Diagnose umzugehen und der große Wunsch meinen runden Geburtstag auf dem Primitivo zu feiern blieb bestehen und nahm nach und nach Form an. Leider kam es 2013 im Frühling dann ganz anders. Mir ging es gesundheitlich schlecht und ich lernte am eigenen Leib zu spüren, was MS bedeutet. Meinen Start musste ich absagen, und anstatt in den Flieger zu steigen, fuhr ich zur Reha. Leider hielt der Erfolg nur vier Wochen an, dann ging es gesundheitlich richtig abwärts. Alle Medikamente versagten, auch höchste Dosen Cortison verpufften irgendwo im Nirwana und letztendlich, als ich kaum noch laufen konnte und bis zur Brust taub war, landetet ich an der Plasmapherese, einer speziellen Dialyse für MS und anschließend schon wieder in der Reha. So schwer und anstrengend wie der Sommer war, brachten die anstrengenden Therapien nach und nach Erfolg. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich jemals wieder einen Camino laufen würde – auch wenn die Bewegungen sich kontinuierlich besserten und ich wieder kurze Strecken lief. Ab November 2013 wurde ich auf ein neu auf den Markt gekommenes Medikament eingestellt und innerhalb kurzer Zeit ging es mir wesentlich besser. Die Lebensfreude kam wieder, kaum Nebenwirkungen und ich fühlte mich fit – so viel fitter als das letzte dreiviertel Jahr. Hinzu kam, dass eine Pilgerfreundin von mir plante auf den Primitivo zu starten. Und so fantasierten wir, dass wir gemeinsam gehen könnten, jeder mit seinen Einschränkungen, aber nicht alleine. Wir könnten uns gegenseitig motivieren und anfeuern, und in schweren Situationen würde die eine der anderen Sicherheit geben. Aus dem gemeinsamen Projekt wurde nichts, da unsere Arbeitgeber uns nicht zeitgleich freistellen konnten, aber mein Ehrgeiz den Weg zu gehen, es wenigstens versucht zu haben, war geweckt. Ich hatte viele Bedenken: die Berge, die Einsamkeit, meine körperliche Situation und was man alles so an Argumenten findet, die dafür sprechen zu Hause zu bleiben. Ich entschied mich, den Weg zu wagen, denn: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Beim Betrachten des Höhenprofils wäre ich am liebsten zu Hause geblieben, aber dann hätte ich mich immer gefragt, ob es vielleicht doch gelappt hätte.

Am 10. Mai stieg ich in den Flieger nach Bilbao und fuhr von dort aus mit dem Bus nach Oviedo, meinem Startpunkt. Von Bilbao aus folgte der Bus auf den ersten Kilometern der Atlantikküste und ich erkannte viele Orte die ich 2012 zu Fuß auf dem del Norte durchquert hatte.

Am Folgetag startete ich gut gelaunt auf den Primitivo, immer noch mit Bedenken, aber der Versuch zählt. Gleich zu Beginn folgte ich nicht dem ausgeschilderten Weg sondern lief einen Umweg auf dem man an zwei Unesco-Weltkulturerbe-Kirchen vorbei kommt und außerdem viele Höhenmeter zusätzlich läuft. Ich wollte mich auf die vor mir liegenden Höhenmeter vorbereiten, auch wenn am ersten Tag nur eine kurze Etappe vor mir lag. Mit jedem gelaufenem Kilometer besserte sich das Wetter. Morgens beim Erwachen hatte es noch geregnet, beim Start war alles nass und der Himmel mit grauen Wolken verhangen, und nach zwei Stunden klarte es immer weiter auf, so dass es irgendwann richtig heiß wurde. Ob es wirklich so heiß war – ich glaube es kaum - aber die Sonne schien wunderbar warm und beim steilen Aufwärtslaufen geriet man unweigerlich ins Schwitzen.

Die erste, nur 13km lange Etappe, war für den ersten Tag völlig ausreichend, da am Ende ein längerer, steiler Aufstieg anstand. Stolz erreichte ich Escamplero, holte den Herbergsschlüssel und suchte mir mein Bett in der sehr einfachen Herberge. Es fühlte sich an, als ob ich nie etwas anderes als pilgern gemacht hätte. Durch die vielen vorweg gelaufenen Rucksackkilometer war es selbstverständlich: Schlafsack auspacken, duschen, Wäsche waschen und aufhängen und dann: Siesta und den restlichen Tag genießen.

Schnell füllte sich die Herberge und es war so, als ob Pilgern das Normalste der Welt sei. Wir lernten uns kennen, erzählten, aßen gemeinsam und alle gingen wir früh schlafen – halt typisch Camino. Dieser Tagesablauf wiederholte sich nun jeden Tag, nur sah man fast täglich andere Pilger, aber mit der Zeit kristallisierte sich ein kleines Grüppchen heraus, das täglich die gleichen Etappen lief. Nachmittags füllten sich die Herbergen innerhalb weniger Stunden, morgens verflüchtigten sich die Pilger oftmals schneller als man gucken konnte; aber auf dem Weg war man fast immer alleine. Und obwohl ich fast immer alleine unterwegs war und fast nie einen Pilger traf, ich fühlte mich nicht alleine. Die Einsamkeit hat viele gute Seiten. Man kommt zu sich, denkt über sich selbst und das Leben nach, oder man denkt gar nichts. Aber egal ob man denkt, oder nicht denkt: Die Natur beeindruckt kontinuierlich. An vielen Tagen ging es oftmals steil hinauf und auch wieder hinab, auf Naturwegen, Landstraßen, Wiesenwegen und Schotterpisten. Egal welcher Beschaffenheit der Weg hatt: die Aussicht in die Ferne war stets beeindruckend. Die Landschaft ist geprägt von einer unglaublichen Ruhe, am Horizont sieht man die schneebedeckten Berge und man selbst läuft ständig durch eine wunderschöne, grüne Hölle. Man durchwandert grüne, knorrige Märchenwälder und ich hätte mich nicht gewundert, wenn plötzlich eine Fee, ein Kobold oder eine Elfe vor mir gestanden hätte. Frühmorgens war es immer kühl, oftmals bedeckt, aber innerhalb kürzester Zeit wurde der Himmel blau, die Sonne strahlte und die Temperaturen stiegen an. Die Herberge in Bodenaya, die ich am Ende meines dritten Wandertages erreichte, war ein wunderbares Kleinod. Herzlich wurden wir empfangen, wurden gut verpflegt, die Wäsche gewaschen, morgens mit Musik geweckt und nach einem guten Pilgerfrühstück mit einem Foto verabschiedet – und das alles auf Spendenbasis. Am fünften Pilgertag stand die große, gefürchtete Hospitalroute auf dem Plan: die Tour die mich im Vorfeld so für den Primitivo begeistert hat – aber auch aufgrund der Höhenmeter geschreckt hat. Ich hätte die Hospitalroute mit einer Alternativroute umgehen können, aber die Einsamkeit der Berge war es die mich auf den Primitivo gerufen hat. Bei bedecktem Himmel ging es morgens los und mit jedem Höhenmeter aufwärts kam die Sonne weiter hervor. Immer weiter hinauf, wenn man einmal gestartet ist, gibt es kein zurück. Je höher ich kam, desto beeindruckender wurde die Landschaft und der Ausblick – und heute war ich einmal nicht alleine unterwegs. Auf dem Weg verteilen sich die Mitpilger immer sehr schnell, aber auf dieser Route traf ich heute ständig meine Mitpilger die irgendwo ein Päuschen einlegten. Man traf sich, pausierte eine Weile gemeinsam, quatsche und ruhte aus, dann ging es weiter, jeder in seinem Tempo und wir verloren uns schnell wieder aus den Augen. Der Aufstieg war schweißtreibend und anstrengend, aber der Abstieg wurde für mich eine viel größere Herausforderung. Mit jedem Schritt abwärts spürte ich meine körperlichen Einschränkungen und Grenzen, das Gleichgewicht auf dem steinigen Untergrund zu halten war sehr schwer für mich und ein wahnsinniger Wind blies kontinuierlich von der Seite und drohte mich umzublasen. Aber wie es immer auf einem Camino so ist: braucht man einen Engel, so erscheint dieser. Meine Engel in dieser Situation waren meine zwei bayrischen Mitpilger, die ich heute bislang noch nicht gesehen hatte, da sie nach mir gestartet waren. Tommy und Gotthard sahen, dass es mir körperlich nicht gut ging, dass der Abstieg mich an meine gleichgewichtstechnischen Grenzen brachte und ich mit meiner Koordination kämpfte. Sie blieben bei mir bis wir das Bergdorf Montefurado erreichten. Ich bin ihnen sehr dankbar, dass sie mich bei dem schweren Abstieg begleitet haben. Auch wenn ich den Abstieg selbst bewältigen musste, so gaben sie mir durch ihre Anwesenheit Sicherheit. Einige Steinblöcke rutsche ich auf dem Gesäß hinunter, da ich sonst gefallen wäre – aber egal wie es aussieht: Hauptsache sicher und heile am nächsten Etappenort ankommen. In Montefurado, einem verlassen Bergdorf pausierten wir in der Sonne, teilten uns unsere „Brotzeit“ und dann ging ich alleine weiter, wohl wissend, dass die Beiden mich schnell wieder einholen würden.

Die Hospitalroute hat mir meine ganze Kraft abverlangt, hat mir meine Grenzen gezeigt und ich habe sie überschritten, aber nach wie vor bin ich stolz die Königsetappe geschafft zu haben. Am Folgetag stand wieder eine große Etappe mit ebenfalls 2000 Höhenmeter auf und ab an. Die 800 Höhenmeter auf wenigen Kilometern abwärts zum Stausee von Grandas de Salime liefen sich auf dem Waldweg wesentlich leichter als die Höhenmeter abwärts am Vortag. Tief unter mir sah ich immer wieder den Stausee in der Sonne glitzern und ich wusste, dass es nach dem Stausee unweigerlich die gleiche Anzahl an Höhenmeter wieder aufwärts gehen würde. Das Höhenprofil hat mir im Vorfeld sehr viel Sorgen bereitet, aber der Aufstieg nach Grandas de Salime war so viel leichter auf der Landstraße als auf den Naturwegen am Vortag, dass ich kaum merkte dass ich aufwärts lief. An diesem Abend übernachtete ich in der wunderschönen Herberge von Castro, stolz und erfüllt, diese beiden anstrengenden Tage geschafft zu haben.

Nach diesen beiden herausfordernden Etappen war die Luft bei mir irgendwie raus, mein Körper sagte mir, dass ich auf mich achten müsse und ich versuchte diese Zeichen zu beachten, aber Santiago zog mich nach wie vor an. Alle weiteren Etappen waren landschaftlich ebenfalls wunderschön, die Natur veränderte sich, es wurde flacher – wenngleich es hügelig blieb. Jeden Tag ging es weiter auf- und abwärts durch Wälder und an Hängen entlang. Eine große Erschöpfung machte sich in mir breit, die Füße taten weh, die Muskeln waren erschöpft und das eine oder andere Mal fragte ich mich, was von den Symptomen von der Erschöpfung und was von der MS kommt. Ich verdrängte die Symptome und lief Tag für Tag weiter, wohlwissend dass meine Grenzen nahe sind. In Castroverde kaufte ich mir spontan ein Paar neue Wanderschuhe und siehe dar: die täglichen Fußschmerzen gehörten der Vergangenheit an. Schon lange hatte ich es vermutet: die Sohle in den guten, teuren Hanwag-Wanderschuhen war zu hart. Schon auf dem Camino del Norte hatte ich beim Laufen in diesen Schuhen täglich Fußschmerzen, glaubte aber die Schmerzen wären bedingt durch die Belastung. Mit den neuen Schuhen lief ich schmerzfrei Richtung Lugo. Die Schmerzen waren endlich weg, aber mit den neuen Schuhen verzog sich auch die Sonne. Die letzten 100 Kilometer war das Wetter durchwachsen, mal regnete es, mal schien die Sonne. So schnell wie das Wetter umschlug konnte man sich nicht umziehen, und so blieb der Regenponcho griffbereit über dem Rucksack hängen. Auf den letzten 100, besonders aber auf den letzten 50 Kilometern überlegte ich ständig in den Bus zu steigen. Ich war mit meiner Kraft am Ende – und der Camino Primitivo (der Weg den ich unbedingt laufen wollte) endet in Melide, wo er auf dem Camino Francés stößt. An der Kirche in Melide, 50km vor Santiago, sah ich auf einen Blick mehr Pilger als in den vergangen 12 Tagen auf dem Primitvo. 2008 war es voll auf dem Francés, aber es hat mich nicht gestört – ich habe meine Mitpilger genossen. Stößt man nach vielen Kilometern in der Einsamkeit plötzlich auf solche Menschenmengen, dann ist es einem schnell zu viel. Aber wie es immer so ist: Immer wenn ich mir schwor, bei der nächsten Möglichkeit einen Bus zu nehmen, dann gibt es keine Bushaltestelle am Weg bevor man die Herberge erreicht. Ab Melide war ich mir sehr sicher, dass ich die noch verbleibenden 5 Tage nach meiner Ankunft nicht in Santiago bleiben möchte, dass ich aber auch nicht mehr weiterlaufen kann und möchte. Und so habe ich am Tag vor meiner Ankunft in Santiago in einer Bar am PC gesessen und habe mich nach einer alternativen Möglichkeit umgesehen um vorzeitig nach Hause zu kommen. Ob ich nun 5-6 Tage ich Santiago ein Hotel und Lebensunterhalt bezahle, oder ob ich einen Flug buche tut sich finanziell nichts. Ich bin meinem Körper Respekt schuldig. Nie habe ich damit gerechnet Santiago zu erreichen, ich habe es versuchen wollen – aber ich habe nicht daran geglaubt es wirklich schaffen zu können. Mit dem Wissen 1,5 Tage nach meiner Ankunft heim fliegen zu können schlief ich ein letztes Mal in einer Herberge. Die private Herberge in Santa Irene ist wunderschön, die kirchliche Herberge auf der Gegenseite der Straße kenne ich von meinem ersten Weg und schon 2008 war sie so baufällig, dass ich die wenigen Euros mehr gerne investiere.

Der letzte Wandertag fiel mir sehr schwer. Zwar sind in den neuen Schuhen mein Fußschmerzen abgeklungen, dafür habe ich mir aber an beiden Fersen dicke Blasen gelaufen und sie behindern bei jedem Schritt. Auf den letzten 25 Kilometern hadere ich ständig mit mir. Ich kann nicht mehr, aber ich komme an keiner Bushaltestelle vorbei. Ich weiß, dass ich am Flughafen von Santiago vorbeikomme und dort ein Bus in die Innenstadt fährt. Als ich aber beim Flughafen ankomme, verabschiede ich mich endgültig von dem Gedanken in den Bus zu steigen. Nach 310 Kilometern schaffe ich die letzten 10 Kilometer auch noch. Kurz vor der Pilgermesse erreiche ich mein Ziel, mal wieder. Zum dritten Mal stehe ich glücklich und erschöpft mit meinem Rucksack vor der Kathedrale und erstmals auf dem Weg fließen die Tränen.

Ich bin froh und dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte mich erneut auf den Weg zu begeben. Ich hätte nicht gedacht, dass nachdem was im Vorjahr gewesen ist, ich es noch einmal schaffe und es ist gut, dass ich die gute Zeit genutzt habe.

Am Morgen nach meiner Ankunft in Santiago erwache ich mit einem neuen MS-Schub. Noch bin ich mir nicht sicher, ob es ein Schub ist, die Erschöpfung, der Kreislauf oder was auch immer – aber ich ahne es.

Die nächsten zwei Monate werden hart, wieder lande ich im Krankenhaus und an der Plasmapherese da das Cortison mal wieder versagt und sich die Symptome verschlechtern und nicht schwinden wollen. Meine Ärzte bestärken mich darin, dass es gut war meinen Weg gegangen zu sein und dass der erneute Krankheitsausbruch nicht mit dem Weg zusammenhängt. Das Medikament unter dem ich mich so fit und gut gefühlt hat, hat leider nicht gewirkt (wo keine Wirkung, da keine Nebenwirkung).

Der Weg hat mir in schlechten Tagen immer wieder Kraft und Energie gegeben und mich aufgebaut.

Auf meinen Wegen habe ich gelernt, dass auch Umwege zum Ziel führen und manchmal wunderschön, wenn auch anstrengend sind. 
Und so habe ich auf meinen Wegen auch für mein Leben gelernt. Man weiß nie, was einem das Leben bringt und manchmal ist der Weg steinig und schwer, aber er ist lohnenswert. Manchmal kommt man wo anders an, als geplant, aber auch andere Ziele sind durchaus reizvoll.

Mal sehen, wohin mich mein weiterer Weg führt!?




Und wenn ich meinen Weg Revue passieren lasse: 
Gott mich auf dem Weg andauernd in die Luft geworfen 
und wieder aufgefangen. 
Wir sind uns jeden Tag begegnet.
(Hape Kerkeling)

Allen meinen Lesern wünsche ich allzeit einen guten Weg und viel Spaß beim Lesen meines Blogs.
Buen Camino!



Camino Francés 
Mein erster Pilgerweg führte mich 2008 auf den Camino Francés, den klassischen Jakobsweg von den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela.
Unerwartet und plötzlich überkam mich der Wunsch diesen Weg einmal zu laufen, mich der Herausforderung zu stellen. Da ich nicht direkt starten konnte, der Jahresurlaub für das Jahr 2007 war bereits verplant, hatte ich genügend Zeit mich in die Thematik einzulesen und mir meine Gedanken zu machen.
Die Vorfreude begleitete mich 10 Monate lang und dann ging es los.
Was erwartet mich auf so einem Weg? Wie komme ich im Ausland ohne die nötigen Sprachkenntnisse zurecht? Helfen mir die 1,5 Semester Volkshochschulspanisch mich auf dem Weg zurechtzufinden? Wen lerne ich kennen? Bin ich den Strapazen gewachsen und was macht der Weg mit mir?
Immer wieder habe ich gelesen, dass Menschen sich auf dem Weg verändert haben, neue Wege für sich im Alltag gefunden haben etc.
Kann ein Weg, eine Auszeit vom Alltag in einem Monat einen neuen Menschen aus mir machen?
Wie viele meiner Mitpilger fühlte ich mich orientierungslos, suchte nach einem neuen Weg für mich im beruflichen Alltag und im Umgang mit meinen Mitmenschen. Schaffe ich, die sich schwer tut mit fremden Menschen, wenn ich alleine bin, auf diese zuzugehen? Fühle ich mich einsam und meinen Mitpilgern und in der Fremde?
Fragen über Fragen, Zweifel, Ängste – aber die Vorfreude auf das was vor mir liegt – überwog.
Neugierig startete ich meine Reise in´s „Ungewisse“ und freute mich auf die Zeit und ich wurde nicht enttäuscht. Es wurde die Reise meines Lebens!
Voller Ungewissheit was mich erwartet und wie es mir ergehen wird, aber mit einem eigenartigem Sicherheitsgefühl das Richtige zu tun und mein Ziel zu erreichen startete ich meinen Weg am 1. Mai 2008 in Pamplona.
Ich habe auf diesem Weg so viel erlebt und genaueres ist in den Etappenbeschreibungen meines Blogs zu lesen, man muss nur auf den Anfang zurückblättern und sich dann durch die Artikel lesen – und Zeit mitbringen…
Ich erlebte auf dem Weg das Gefühl, das irgendwer seine Hand über mich hält und alles lenken und richten wird. Und wie es war, egal ob Regen, Sturm, Nebel oder Sonne, es war immer richtig – es hätte nicht anders sein dürfen.
Ich, die sonst Probleme hat, auf fremde Menschen zuzugehen, konnte plötzlich auf Unbekannte zugehen, mit ihnen reden, lachen, weinen und gemeinsam schweigen. Egal welche Nationalität mir begegnete, egal wie groß die Sprachbarriere, das Gemeinsamkeitsgefühlt, das Gefühl der Zusammengehörigkeit und das gute Gefühl, genau das Richtige zu tun, überwog immer.
Das Wetter auf meinem Weg, war entgegen aller Langzeitprognosen, schlecht und noch viel schlechter. Oftmals hatte ich das Gefühl Santiago entgegen zu schwimmen. Niemals hätte ich gedacht, dass ich mit so einer guten Laune morgens aus dem Fenster schauen kann um festzustellen, dass es immer noch oder schon wieder regnet. Niemals wären ich oder meine Mitpilger wegen schlechten Wetters nicht auf die nächste Etappe gestartet. Es war nur immer die Frage, Regenhose, Regenponcho, Gamaschen, Regenjacke – lohnt sich das Anziehen oder hört der Regen vielleicht schon in Kürze aus. Umschritt ich morgens, am Tagesbeginn, noch die Pfützen, machte ich mir mit jedem gelaufenen Kilometer und mit zunehmender Erschöpfung keine Gedanken mehr, wie ich trocken um die Pfütze komme – bestand sowieso der ganze Weg aus einer einzigen Wasserlache.
An solchen Tagen war es plötzlich auch ganz egal, wenn es keine Möglichkeit zum Wäschewaschen oder Trocknen gab – blieb die Kleidung eben dreckig und verschwitzt. Der Jakobsweg ist kein Laufsteg und wenn ich keine Möglichkeit zur Wäsche habe, haben es meine Mitpilger auch nicht.
Neben Ausdauer und Durchhaltevermögen lernt man auf dem Weg auch Geduld. Wie weit ist es noch bis zur nächsten Herberge, wann taucht der Ort endlich vor den eigenen Augen auf und wann öffnet die Herberge.
Das gemeinsame Warten auf das Öffnen der Herberge gehörte bei mir täglich dazu. Regelmäßig habe ich täglich auf dem Weg meine Pausen am Wegesrand oder am liebsten in einer der kleinen Bars am Wegesrand gemacht. Über jede Bar habe ich mich gefreut und, ich glaube, ich habe selten soviel Kaffee getrunken, aber der Kaffee in der Pause auf den Barhockern in zum Teil verkommenen Bars gehört einfach dazu. Man lernt auf dem Weg mit so wenigem und vor allem mit allem zufrieden zu sein.
Erreicht man sein Tagesziel freut man sich über jede Schlaf- und Duschmöglichkeit. Luxus gibt es nicht und wird auch nicht verlangt. Ein Bett in dem schon tausende von Menschen geschlafen haben, reicht völlig aus, zwei Toiletten für 100 Pilger – okay, dann wartet man, bis das WC frei wird, ebenso die Dusche. Anspruchslos wird man auch beim Essen. Zum Frühstück ein Stück Baguette, abends oder nach der Ankunft ein Pilgermenü, das fast überall gleich ist, oder Alternativ ein kleiner Einkauf im Supermarkt oder etwas selbst gekochtes, was selten anderes als Nudeln sind.
Und dennoch: jeder auf dem Weg ist glücklich, alle sind zufrieden und es herrscht eine entspannte, fröhliche Stimmung untereinander und im Stillen.
Sieht man anfangs einen „großen Berg“ vor sich, 700 Kilometer und mehr, denkt man irgendwann: Ich bin schon fast da, nur noch 200 Kilometer, ein Katzensprung. Jeder möchte sein Ziel Santiago de Compostela erreichen und irgendwann weiß man: Ich schaffe das. Und irgendwie möchte man ankommen und auch wieder nicht. Mit der Ankunft ist die Reise beendet. „Plötzlich“ steht man vor der Kathedrale und das war es –man hat sein Ziel erreicht. Die Freude ist groß, es laufen viele Tränen, man ist erschöpft und glücklich und gleichzeitig traurig, weil der Weg beendet ist.
Aber ist der Weg wirklich beendet oder beginnt er erst hier? Auf dem Weg hat man viel Zeit sich Gedanken zu sich selbst, dem Leben und um alles Mögliche zu machen und manchmal ist der Kopf einfach nur leer und man genießt die schöne Natur und das „auf dem Weg sein“.
Die Natur hat mich immer wieder fasziniert, auch wenn sie sich über viele Kilometer nicht verändert hat. Manchmal verändert sich die Natur von jetzt auf gleich, hinter einer Kurve sieht alles ganz anders aus, und dann gibt es die endlosen Kilometer in der Meseta zwischen Burgos und Leon – aber auch diese haben ihren Reiz und sind nicht langweilig. Die Eintönigkeit der Natur – nichts als Felder– geben einem die Möglichkeit in eine Art Meditation zu fallen, entweder ist der Kopf ganz leer und man denkt an gar nichts, oder die Gedanken hüpfen querfeldein und es geht einem ganz viel durch den Kopf und manchmal findet man dabei auch Lösungen oder Ansätze zu seinen inneren Fragen und Gedanken.

Hat mich der Weg verändert? Ich weiß es nicht und weiß es doch. Ich bin noch immer ich, aber der Weg war eine Erfahrung die ich nicht missen möchte. Man lernt Gelassenheit Dinge hinzunehmen die man nicht ändern kann (z.B. das Wetter), man lernt Toleranz: ich muss nicht jeden mögen, aber Toleranz gegenüber dem Nächsten muss man haben. Der Weg gibt einem Stärke und Zuversicht: Man kann mehr als man denkt, man muss sich nur trauen und egal ob man sein Ziel erreicht oder die Reise abbricht: man hat es versucht.
Scheitern ist für mich nur, aus Angst es nicht zu schaffen, daheim zu bleiben. Jeder der sich auf den Weg gemacht hat ist ein Sieger und auch wenn Santiago de Compostela das große Ziel der Reise ist: irgendwann kommt es nicht mehr darauf an ob man 300, 500 oder 700 Kilometer gelaufen ist.
Innerlich war meine Reise bereits in O Cebreiro beendet, von dort aus hätte ich nicht mehr weiterlaufen „müssen“. Ich fühlte mich angekommen, auch wenn ich mich noch 250 Kilometer vor Santiago befand und dennoch bin ich weitergelaufen – aber innerlich hätte ich bereits in O Cebreiro mit gutem Gewissen meinen Weg beenden können.
Santiago ist ein schöne Stadt am Wegesrand, aber der Weg geht weiter und ist nicht an der Kathedrale beendet. Der Weg begleitet einen im Alltag weiter, man träumt vom Weg, man schweift gedanklich nach Spanien ab und ist einfach nur glücklich. Das eigene Umfeld muss und kann das nicht verstehen, aber es ist so.
Eine Reise auf dem Pilgerweg ist anders als ein „normaler“ Urlaub. Der Urlaub ist beendet und war eine schöne Zeit und damit ist das Thema abgehakt. Der Camino begleitet einem im Alltag weiter, gibt Kraft und Stärke und auch heute, wenn ich 5 Jahre später an die Zeit zurückdenke, durchströmt mich auch jetzt noch ein großes Glücksgefühl.
Der Camino Francés, die Reise meines Lebens. Es war eine anstrengende, aber wunderschöne Zeit und es war die absolut richtige Entscheidung mich auf den Weg zu machen.
Jeden den der Weg oder Jakobus ruft, sollte sich auf den Weg machen, unabhängig vom Geschwätz des Umfeldes.
Ich wusste nie, warum es mich ausgerechnet zu dem Zeitpunkt auf den Weg gezogen hat, aber heute kenne ich die Antwort:

Wenn nicht jetzt wann dann? Gibt es irgendwann einen besseren Zeitpunkt? Man findet immer ein Argument das dagegen spricht, aber niemand weiß, ob es später dann noch geht.
Es ist gut nicht zu wissen, was in der Zukunft geschieht, aber man sollte seine Zeit nutzen.
Wenn nicht jetzt, wann dann?






Via de la Plata -
"mein Weg"

Nachdem ich im Mai 2008 den traditionellen Jakobsweg, den Camino Francés, gepilgert bin, hat mich der Gedanke mich noch einmal auf den Weg zu machen nicht mehr losgelassen.
Der Pilgerweg, der Camino Francés, war die Reise meines Lebens!
Auch wenn ich zuvor schon viele erlebnisreiche Urlaubsreisen genossen hatte, mit den Erlebnissen und Eindrücken auf dem Pilgerweg konnte keine dieser Reisen „konkurrieren“.
Auch wenn ich körperlich wieder zu Hause war, zurück im Alltag, schweiften meine Gedanken, mein Geist, ständig nach Spanien ab.
Nach wie vor fällt es mir schwer, alle Gedanken und Erlebnisse zu verschriftlichen. Vieles muss auch nicht aufgeschrieben werden, denn auch jetzt noch, nach Jahren, sind mir die die Eindrücke täglich präsent. Der Weg hat sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. So gerne ich mir meine Fotos vom Weg und meine Etappenberichte anschaue – die Bilder sind tief in mir und werden es immer sein.
Ich denke, gerade weil der Camino Francés so prägend war, konnte ich ihn nicht einfach loslassen, vergessen.
Schon kurz nach meiner Rückkehr in den Alltag vernahm ich den erneuten Ruf Jakobus´. Ganze drei Wochen nach meiner Rückkehr hatte ich das Gefühl genug für den Rest meines Lebens gelaufen zu sein – aber wie gesagt nur drei Wochen, danach juckten meine Fußsohlen und oft schaute ich auf meinen leeren Rucksack und die Wanderschuhe im Schuhregal.
So laut wie der Weg nach mir rief, war es schnell klar, dass ich irgendwann wieder starten werde. Aber: den gleichen Weg noch einmal gehen?
Muss nicht jeder folgende Weg nach einem so berauschenden, wunderbaren ersten Weg zum Scheitern verurteilt sein, eine Enttäuschung werden?
Kann mir ein zweiter Weg das geben, was mir der erste gegeben hat, ist so ein Erlebnis wiederholbar?
Gerade in dieser Zeit habe ich viel gegrübelt, im Internet recherchiert und bin so auf das neue www.jakobus-peregrino.de – Forum gestoßen. Auch wenn ich bisher nicht viel zum Thema Via de la Plata wusste, wusste ich doch, dass dieser südliche Jakobsweg mein nächster Weg sein wird.
Im Forum suchte ich gezielt nach Informationen und fand auf alle Fragen Antworten. Oft beinahe schon zu viele Antworten: verschiedene Blickwinkel wurden erläutert, Tipps und Ratschläge gegeben und manchmal war ich anschließend genauso ratlos wie zuvor, denn es galt die vielen Informationen zu filtern und zu sortieren.
Nach und nach nahm alles konkrete Formen an, aber die Zeit bis zum Start auf die Via de la Plata wurde wesentlich länger als von mir geplant und erhofft.
Die Gesundheit spielte mir diverse Streiche und meinen geplanten Start für das Jahr 2009 musste ich schweren Herzens aufgeben. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben und so hoffte ich auf das Jahr 2010. Es gestaltete sich dienstlich in der Urlaubsplanung als nicht so leicht vier Wochen zusammenhängenden Jahresurlaub zu bekommen, aber irgendwie hat es dann geklappt – auch wenn vier Wochen definitiv nicht für die gesamte Strecke der Via de la Plata reichen. Für die gesamte Strecke von ca. 1000 Kilometer benötigt man ca. 6 Wochen. Aber dennoch habe ich mich gefreut, mich auf den Weg machen zu können.
Der Aufbruch nach Spanien wurde mir dann aus Gründen, mit denen ich niemals gerechnet hätte, sehr schwer gemacht. Im fernen Island brach der mir bis dahin unbekannte Vulkan Eyjafjällakökull aus und legte den gesamten europäischen Flugverkehr lahm. Mein Flug wurde storniert und auch sonst gab es keine Möglichkeiten mit Fernbussen oder Zügen in der nächsten Zeit meinen Startort, Sevilla, zu erreichen. Mein Urlaub schrumpfte dahin, aber fünf Tage nach meinem stornierten Flug bekam ich einen Ersatzflug und freute mich, mich endlich nach zwei Jahren Wartezeit, erneut auf den Weg zu machen. Allerdings konnte ich auch in Sevilla angekommen nicht direkt starten.
Durch das Flugchaos der vergangenen Tage, die verspäteten und durcheinander geratenen Flugpläne wurde mein Rucksack beim Umstieg in Palma nicht weiter geleitet.
Froh gelaunt, wenigstens – wenn auch komplett ohne Gepäck - schon einmal in Sevilla zu sein, habe ich diese Panne mit Humor genommen und den zusätzlichen Wartetag zur Besichtigung dieser wunderschönen Stadt genutzt.
Nach einem Tag Wartezeit wurde mein Rucksack in meine Pension geliefert und am darauf folgenden Morgen bin ich mit Einsatz der Dämmerung in meinen ersten Wandertag gestartet.
Viele Fragen geistern beim Start durch meinen Kopf. Was werde ich erleben, wird mein Körper den langen Distanzen gewachsen sein, wird mich dieser Weg nicht enttäuschen, kann ein zweiter Weg genauso wunderbar werden wie mein erster? Fragen über Fragen, die mir nur der Weg und die Zeit beantworten können.
Jetzt, im Nachhinein kenne ich die Antwort: Ja, ein weiterer Weg kann genauso prägen und beeindrucken, berauschen und wundervoll sein, wie ein erster Weg. Jeder Weg ist einzigartig und man darf die Erlebnisse und Wege nicht miteinander vergleichen, man muss sie so nehmen wie sie kommen. Die Wege sind so unterschiedlich, so anders, jede Begegnung individuell, aber jeder auf seine Art faszinierend.
Findet man auf dem Camino Francés eine sehr gute Infrastruktur, viele Ortschaften mit Herbergen und jede mögliche Streckendistanz, ist man auf der Via Plata auf die wenigen Unterkünfte, zum Teil weit auseinander liegend, angewiesen. Aufgrund der Entfernungen der Dörfer zueinander sind die Etappen oftmals vorgegeben. Es kommt durchaus vor, dass man an einigen Tag 30 Kilometer und mehr laufen muss, weil es zwischen den Dörfern nichts gibt als viel Natur, frische Luft und wunderschöne Landschaft. Andererseits ist es so, dass der Weg nicht überlaufen ist, dass ich an einigen Tagen niemanden während des Laufens getroffen habe und zu jeder Tageszeit ein Bett verfügbar war. Ich konnte meinen Zielort erreichen wann ich wollte, es gab immer ein Bett und so auch genügend Zeit sich am Wegesrand unter einen Baum oder auf einen Stein zu setzen um einfach die Ruhe, die Stille mit all ihren Geräuschen, wie das Rauschen des Windes, das Surren der Insekten und den Vogelgesängen zu genießen. Auch wenn denkt, dass es absolut still ist, wenn man sich die Mühe macht genau hinzuhören, hört man dass es in der Stille sehr viel zu hören gibt.
Gerade weil die Via Plata in vielen Teilen so einsam ist, sind die Begegnungen am Wegesrand umso herzlicher und bedeutender. Nie zuvor habe ich es erlebt, dass ein auf dem Feld arbeitender Bauer in der brütenden Mittagshitze mit einem Glas Wasser auf mich zukommt und es mir anbietet, ebenso meine fast leeren Wasserflaschen auffüllt. Dorfbewohner haben mich stolz auf dem Weg durch ihr Dorf begleitet um mir den Weg zu weisen, der bestens ausgeschildert war, aber sie wollten mir helfen und für mich da sein. Mir wurde frisches Gemüse aus privaten Gärten gereicht, ich wurde bei fremden Menschen zum Mittagessen eingeladen, ein Dörfler rief seine Frau an, die mir kurze Zeit später ein belegtes Brot mit dem Rad vorbeibrachte, an Privathäusern hingen Einladung zu Kaffee oder anderen Getränken aus.
Neben diesen vielen Begegnungen am Wegesrand gab es zusätzlich viel Kultur und Geschichte zu erleben und zu bestaunen. Gerade die ersten 500 Kilometer zwischen Sevilla und Salamanca sind durch die römische Vergangenheit geprägt.
Die Reise beginnt in der geschichtsträchtigen Stadt Sevilla und nur 10 Kilometer weiter stößt man auf die Ausgrabungen von Italica, dem Geburtsort der römischen Kaiser Trajan und Hadrian. In Merida sollte man ebenfalls einen Besichtigungstag einlegen. Merida ist eine wunderbare Stadt, geprägt durch die Römer – es gibt viele zu besichtigen und immer noch finden täglich neue Ausgrabungen in dieser Stadt statt. Amphitheater, römische Theater, alte Tempel, Bögen, große und kleine Aquädukte, Katakomben, Wohnhäuser, eine arabische Burg und vieles mehr gibt es neben dem großen Museum zu besichtigen.
Die Wege von einem Dorf zum nächsten führen durch eine wunderschöne Natur. Sowohl Andalusien als auch die Extremadra sind im Frühling ein Traum. Leuchtende Farben wohin das Auge blickt. Saftige grüne Wiesen, blühende Blumen in allen Farben, Bäume –Natur pur. In der Luft kreisen die Störche in der Thermik; Adler, Milane und mit viel Glück auch Schwarzstörche sind zu beobachten. Viele Wegabschnitte führen mitten durch Dehesas. In diesen großen Weidegebieten kommt es immer wieder zu Begegnungen mit den Weidebewohnern. Die ersten Kühe – mitten auf einem Hohlweg stehend – haben mir einen mächtigen Schrecken eingejagt und ich war froh, als plötzlich ein Pilger auftauchte, mich in den Arm nahm, und wir gemeinsam die Herde durchschritten. Ich bin mir sicher, auch José war in diesem Moment froh, nicht alleine zu sein. Kurz bevor wir die Herde erreichten, wichen die Kühe einen Meter auseinander und wir konnten hindurch schreiten. Diese massigen Tiere haben mir bei jeder weiteren Begegnung den Puls hochschnellen lassen, aber schon beim nächsten Treffen war ich alleine und ich schritt mutig voran. Genauso verhielt es sich mit Pferden und den schwarzen Schweinen, die mitten auf meinem Weg standen – oder eigentlich ihrem Weg – denn die Wege führen uns Pilger durch die weiten Weidegebiete. Außerdem gab es reichlich Begegnungen mit Schafen, Ziegen, und leider auch jede Menge Hunden.
Nie ist mir irgendetwas passiert, ich hatte immer das Gefühl, irgendjemand passt auf mich auf und hält seine Hand über mich, aber der Respekt ist geblieben.
Von Merida aus führt der Weg irgendwann nach Caceres, ebenfalls eine Stadt aus dem Unesco-Weltkulturerbe. Die mittelalterliche Stadt ist komplett erhalten, liegt auf einem Hügel und ist schon viele Kilometer vorher zu sehen. Auch Caceres ist sehr sehenswert, aber leider war ich zu einem falschen Zeitpunkt in diesem Städtchen. In der Altstadt fand ein Festival statt und dadurch war die Stadt überlaufen und furchtbar laut. Wenn man aus der absoluten Einsamkeit in einen solchen Trubel kommt, ist der Lärm und eine solche Menschenmenge kaum zu ertragen.
Lässt man Caceres hinter sich empfängt einen wieder die Einsamkeit, die Ruhe und die weite, wunderschöne Natur. In der Ferne sieht man langsam die Berge näher kommen und man weiß, irgendwann müssen sie durch- und überschritten werden. Bevor man sich an den Aufstieg Richtung Salamanca macht, kommt aber noch die 40Kilometeretappe, die durch den Arco de Caparra führt, einen römischen Bogen, der heute mitten in der Einsamkeit steht. Wer sich vor der langen Distanz fürchtet braucht aber keine Sorge haben. Ca. 6km abseits der Strecke gibt es in Oliva de Plascencia eine wunderschöne Herberge, die absolut empfehlenswert ist, auch wenn diese einen „Umweg“ bedeutet. Aus einer 40km-Etappe kann man durch den Abstecher nach Oliva de Plascencia zwei Etappen mit ca. jeweils 25 Kilometer machen und so ist auch diese Strecke für jeden machbar. Eindrucksvoll erhebt sich der römische Bogen mitten auf dem flachen Feld. Danach führt der Weg langsam, aber stetig bergan. Die Berge die anfangs noch so weit entfernt waren, kommen immer näher und irgendwann muss man hinauf um Salamanca zu erreichen.
Auf dem gesamten Weg von Sevilla nach Salamanca führt der Weg immer wieder durch Bachläufe und Furten. Diverse Male heißt es, Schuhe, Strümpfe und Hose ausziehen und durch das Wasser waten. Viele Bachläufe sind auch auf Steinblöcken oder wackeligen Steinen zu überqueren. Aber es kann auch vorkommen, dass das Wasser gar nicht tief aussieht und man plötzlich bis über die Knie im Schlamm versinkt und auch ein nur knietiefes Gewässer wirkt dann wesentlich tiefer als es ist. So einsam ich mich auf vielen Wegabschnitten gefühlt habe, war ich doch immer erstaunt, dass ich an Furten und Bachläufen häufig jemanden getroffen habe. Mit viel Gelächter wurden die Furten und Bäche durchquert, manchmal aber auch mit Respekt. Nach dem nassen Frühjahr 2010 standen einige Furten wirklich hoch und man hätte es nicht gedacht. Die Furt in Guillena, kurz hinter Sevilla, war nur mittels Bäumen, Sträuchern und in den Ästen gespannten Seilen zu überqueren. Bis heute frage ich mich wie die Radfahrer durch diese Furt gekommen sind, in der mir das Wasser bis zum Hals gestanden hätte.
Durch die Berge führt der Weg hinauf nach Salamanca, dem Endpunkt meiner ersten Reise auf der Via de la Plata.
Salamanca ist ein würdevoller Abschluss - wenn auch nicht Santiago de Compostela - eine absolut sehenswerte Stadt, voller quirligem Leben.
Hier beenden viele Pilger, genau wie ich, ihre Reise, aber viele starten in dieser wundervollen Stadt. Salamanca wird auch für mich, wenn ich irgendwann wiederkomme, mein Einstieg zu zweiten Hälfte der Via Plata werden.
Was ich nun aber noch nicht erwähnt habe, sind meine Mitpilger, die den Weg zu dem machten, was er war.
Ob es nun an dem vorherigen Vulkanausbruch und den dadurch nicht vorhandenen Reisemöglichkeiten lag, oder ob es in dieser Jahreszeit immer so einsam auf der Via Plata ist, wir waren ein kleines, gut überschaubares Trüppchen, von ca. 10-15 Fußpilgern, die sich täglich von einem Ort zum nächsten bewegten. Die Herbergslage ist überschaubar und so trifft man sich regelmäßig wieder. Die Altersspanne meiner Mitpilger war von jung bis alt und ich war erstaunt, doch so viele „alte“, aber erstaunlich fitte Pilger zu treffen. Meine Mitpilgerin Kelly, 20 Jahre aus Estland, die jüngste in der Truppe, Dermot aus Irland mit 75 Jahren der Älteste von uns. Jeder ist den Weg auf seine Weise gegangen und jeder hat sein Ziel erreicht. Nicht jeder so, wie es im Vorfeld geplant war, aber wir alle haben unser Ziel erreicht. Dermot, der zu Fuß gestartet ist, hat sich irgendwo auf der zweiten Weghälfte ein Fahrrad gekauft und hat sein Ziel radelnd erreicht. Kelly hat auf der zweiten Weghälfte Besuch von ihrem Freund bekommen und sie sind gemeinsam in Santiago eingelaufen.
Mein „persönlicher Engel“ Alois hat ebenso wie ich in Salamanca den Weg beendet und sich im Folgejahr wieder auf den Weg gemacht. Leider konnten wir den Weg nicht gemeinsam fortsetzen und beenden, aber auch das ist der Weg. Man trifft sich, lernt sich kennen, verbringt eine Zeit miteinander und verabschiedet sich wieder – und wenn man Glück hat besteht der Kontakt auch nach Beendigung der Reise weiterhin.
Alois, der vom Alter mein Vater sein könnte, und ich begegneten uns schon am ersten Wandertag zufällig in Italica bei der Besichtigung der römischen Ausgrabung. Ich habe Alois nicht als Pilger erkannt und hätte nicht gedacht, dass ich ihn wieder treffe. In Italica erklärte er anderen Touristen etwas zu dieser schönen Ausgrabungsstelle und auch ich stellte mich abseits dazu und hörte seinen Erklärungen zu. Alois, damals 70 Jahre alt, hatte nur einen kleinen Rucksack auf dem Rücken, einen kleinen Tagesrucksack, mehr nicht.
Nach der Besichtigung holte ich meinen Rucksack wieder an der der Pforte ab und lief weiter Richtung Guilena. Damals, 2010, gab es in Guilena nur eine kleine Unterkunft am Sportplatz, aber als ich ankomme stelle ich entsetzt fest, dass diese Unterkunft momentan geschlossen ist und es nur noch die alte Notunterkunft gibt. In der abbruchreifen, dreckigen, stinkigen Umkleide am Sportplatz liegen zwischen Bauschutt und fehlenden Toilettentüren einige Pappen, auf denen man nächtigen darf. Mich ergreift das Grauen!
Ich bin als Pilger nicht anspruchsvoll, aber hier zu nächtigen kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Bevor ich wie ein Obdachloser auf harter Pappe schlafe, schlafe ich liebe auf meiner Isomatte unter freiem Himmel. Verzweifelt suche ich nach einer Alternative, aber im einzigen Hotel im Ort sind alle Zimmer ausgebucht. Plötzlich taucht Alois in der Bar des Hotels auf und bietet mir das zweite Bett in seinem Doppelzimmer an. Ich kenne diesen Mann nicht, würde so ein Angebot eigentlich niemals annehmen, aber erleichtert, den Tränen nahe, nehme ich die Hilfe an. Und so beginnt unsere gemeinsame Zeit auf der Via Plata.
Das erste Wunder, an meinem ersten Tag, nachdem ich mich morgens schon um einige Kilometer verlaufen habe, und mich mal wieder fragte, ob irgendwer nicht möchte, dass ich die Via Plata laufe. Ständig irgendwelche Komplikationen bei dem Versuch auf die Via zu kommen.
Alois und ich treffen uns bis zum letzten Tag regelmäßig wieder, dabei verabreden wir uns nur selten, aber wir begegnen uns auf dem Weg oder in den Dörfern meist zufällig. Dreimal haben wir uns auf dem Weg voneinander verabschiedet, gedacht, wie träfen uns nie wieder, aber irgendwie sind wir uns immer wieder über den Weg gelaufen.
Ich bin dankbar um diese Begegnungen, unsere gemeinsamen Gespräche, das gemeinsame Laufen und Schweigen, Lachen und Weinen.
Unsere Streckenplanungen unterschieden sich mehrfach, aber irgendwas hat uns immer wieder zusammengeführt.
Immer wieder stießen auch andere Pilger zu uns hinzu, aber niemanden anders habe ich auf den 500 Kilometern so regelmäßig und häufig gesehen, wie Alois.
Ich bin froh und dankbar, ihn, alle anderen Mitpilger und die Dorfbewohner kennen gelernt und getroffen zu haben, denn sie und die Begegnungen am Wegesrand machten den Weg für mich zu dem, was er war – MEIN WEG!
Da die ersten 500 Kilometer der Via Plata so überwältigend, wunderschön und einmalig waren, war mir schon vor meiner Heimreise bewusst, ich komme wieder, ich setzte diesen Weg fort.
Routiniert wie ich inzwischen bin, muss ich mir im Folgejahr leider keine Gedanken mehr zu Rucksackinhalt und Packliste machen. Mein Reiseführer zur Via Plata ist speckig und abgegriffen, mit diversen Eselsohren, persönlichen Einträgen und Email-Adressen meiner ehemaligen Mitpilger – ich liebe dieses Buch und habe es schon unzählige Male gelesen.
Und auch wenn ich den schon begonnen Weg fortsetze weiß ich, dass auch diese zweite Hälfte der Via de la Plata ein für mich ganz eigenständiger Weg wird. Neue Begegnungen, Städte und Ereignisse werden auf mich warten und mir die Kraft geben die vor mir liegenden 500 oder 600 Kilometer zu laufen. Von Salamanca nach Santiago de Compostela sind es ca. 500 Kilometer, bis zum Atlantik noch einmal 100 Kilometer mehr. Dieses Mal möchte ich meinen Weg nicht in Santiago, sondern am Meer in Finisterra beenden.
Der Start meiner Reise bereitet erneut Probleme. Keine zwei Wochen vor meiner Abreise nach Salamanca macht die Gesundheit mal wieder Probleme und ich lande kurzfristig im Krankenhaus und auf dem OP-Tisch. Aber alles geht glatt, kurz vor dem Start noch schnell die Fäden ziehen, und mit Genehmigung des Arztes geht es los.
In Salamanca steuere ich direkt die Altstadtherberge an, in der ich im Vorjahr meine letzte Pilgernacht verbracht habe. Die Ankunft in Salamanca fühlt sich an wie ein„Nach-Hause-kommen“. Bei bestem Wetter schlendere ich durch die Stadt und genieße die Vorfreude auf den Weg.
In den ersten Tagen merke ich noch, dass ich leicht geschwächt gestartet bin, dann bessert sich die Kondition täglich. Die ersten zwei Etappen hinter Salamanca sind nicht sonderlich schön. Der Weg führt mich viele Kilometer über den Seitenstreifen einer stark befahrenen Straße, aber dann geht es wieder hinaus in´s Grüne –oder besser gesagt in´s Braune. Der Weg führt einsam durch die Ausläufer der Meseta, es ist gerade Mitte April und viele Felder sind noch nicht bestellt. In meiner ersten Wanderwoche treffe ich wirklich absolut niemanden auf dem Weg. Ich bin ganz allein in Gottes weiter Natur. Im Laufe des späten Nachmittages treffen immer noch einige wenige Pilger in den Herbergen ein, aber überwiegend bin ich allein.
Diese Einsamkeit stört mich nicht, ich fühle mich wohl in ihr.
Auf so einem einsamen Weg ist es wichtig, dass man sich mit sich selbst wohl fühlt. Die Ruhe bietet viele Chancen über sich selbst nachzudenken, einfach abzuschalten und einen freien Kopf zu bekommen.
Spät nach mir trifft jeden Nachmittag Pilger Wolfgang ein, mit dem ich mich ein wenig unterhalte. Wolfgang ist die Via Plata schon mehrfach gepilgert und macht mir zeitweise Angst mit seinen Erzählungen. Er befürchtet Bettennot aufgrund der Ostertage, die vor uns liegenden Berge klingen in seinen Berichten doppelt so hoch und scheinbar unüberwindbar, und, und, und…
Zamora ist ein weiterer kultureller Höhepunkt und für viele, viele Kilometer erst einmal die letzte größere Stadt auf dem Weg. Bis Ourense, so ca. 350-400 Kilometer entfernt, führt die Via Plata nur durch kleinste Städte und Dörfer, durch die Einsamkeit.
So stabil wie die Wetterlage vor einem Jahr auf dem Weg war, so instabil und wechselhaft ist sie nun. Von Sonne, kaltem Wind, Regen, Sturm und Unwetter ist alles dabei, aber irgendwie passt alles. Zeitweise ist es bei den kühlen Temperaturen schwer, seine Kleidung zu trocknen, in den Herbergen greifen alle auf zusätzliche Wolldecken zurück und jeder ist zufrieden, wenn er nachts gut und warm schläft und erholt in den nächsten Tag starten kann.
Vor mir liegen drei Bergpässe, teils weite Etappen übe etliche Hügelkämme und noch ist das Wetter furchtbar, die Unwetterfront hält an.
Morgen muss ich über den ersten Pass und wenn ich mir den Himmel anschaue, kann ich mir nicht vorstellen, dass das Wetter sich schnell ändert. Am Nachmittag gehe ich noch in die Karfreitagsmesse und bitte um Wetterbesserung. Am nächsten Morgen, ich kann es kaum glauben, strahlender Sonnenschein bei kühlen Temperaturen. Es ist kalt, aber klar und trocken und so begebe ich mich gutgelaunt hinauf zum Pardonelo-Pass. Der Weg ist wunderschön, wenn auch noch matschig und zum Teil unter Wasser, aber ich genieße ihn. Es wäre so schade gewesen, diese Etappe auf der Alternativroute Straße zu gehen, aber bei einem Unwetter wäre der Orginalweg nicht machbar gewesen.
Rechts und links von mir plätschert das Wasser in den Bächen, die Sonne kommt hoch und die Natur dampft. Mit jedem Schritt gewinne ich an Höhe und ich genieße die Blicke in´s Tal. Oben am Pass gibt es erst einmal im Hotel einen leckeren Kaffee, bevor ich wieder in das nächste Tal herab klettere.
Erleichtert stelle ich fest, dass es auch mir, die ich aus einer Gegend komme, wo fast nichts höher als eine Kanalbrücke ist, es möglich ist, einen Berg zu erklimmen.
Mehrere Pässe stehen in den nächsten Tagen noch an, aber ich mache mir keine Sorgen mehr um sie. Genau wie ich den steilen Abhang am Rio Esla und den Pardonelo-Pass emporgestiegen bin, überwinde ich auch die in den nächsten Tagen die anstehenden Pässe.
Die Einsamkeit der ersten Tage ist vorbei, inzwischen begegne ich täglich etlichen Pilgern –einigen auf dem Weg – einigen immer nur in den Herbergen. Es geht international zu. Irland, Österreich, Deutschland, Kanada, Frankreich, Südafrika etc. Zwei Österreicher, die sich auf der Via zufällig getroffen habe, treffe ich inzwischen täglich. Morgens starten wir gemeinsam, irgendwann ziehen sie von dannen, derweil ich Fotos mache, und im nächsten Café erwarten die Beiden mich zu einem Pläuschchen. Nach einer gemeinsamen Pause laufen wir wieder gemeinsam weiter, bis ich wieder aufgrund der Fotografiererei zurückfalle.
Auch auf der zweiten Hälfte der Via ereignen sich wieder viele schöne Dinge. Mitten in der Einsamkeit halten Autofahrer neben mir an, nur um sich zu erkundigen ob es mir gut geht oder ob ich Hilfe oder Wasser benötige. Während der Ostertage treffe ich auf einen Bauern, der sich Sorge macht, dass es aufgrund der Feiertage zu voll im nächsten Ort ist, dass die Betten knapp wären. Schnell ruft der Bauer einen befreundeten Hotelbesitzer im Ort an, der für den Fall dass die Pilgerherberge belegt sein sollte, ein Bett zu Sonderkonditionen bereithält. Ich habe dieses Bett nicht gebraucht, aber die Geste war nett.
Leider habe ich in einem Örtchen die Beschilderung zur neuen Herberge übersehen und laufe in das Gebäude, dass ich für die Pilgerherberge halte und in der sich früher auch die Herberge befand. Klitschnass durch einen plötzlich einsetzenden Regenguss renne ich in das Gebäude hinein und stehe peinlich berührt mitten in einer Totenfeier. Leise schleiche ich mich wieder hinaus, aber ein alter Herr folgt mir, erklärt mir den Weg zur Herberge und fährt mich dann aufgrund des Gewitters plötzlich mit seinem Auto zur Herberge. Warum vertraue ich allen Leuten auf dem Weg? Warum mache ich mir keine Sorgen um Dinge, die ich daheim niemals tun würde? Ich weiß es nicht, aber ich fühle mich auf dem Weg so sicher, so wohl und getragen, dass ich das Gefühl habe es kann nichts passieren.
Täglich, mit jedem Schritt, rückt Santiago de Compostela näher. Ich bin immer wieder hin- und her gerissen. Einerseits ist es schön, morgens mit Begleitung zu starten, in den Bars von Mitpilgern erwartet zu werden, abends ein für mich freigehaltenes Bett vorzufinden, andererseits fühle ich mich in der Gegenwart meiner Mitpilgerin, die ich nicht mehr los werde, nicht wirklich wohl.
Meine Mitpilgerin plant jeden Tag genau durch, muss genau wissen was kommt und gerade dass ist es, was ich auf diesen Wanderungen so mag. Morgens aufstehen, loslaufen und irgendwann irgendwo ankommen und sich am Tag erfreuen. Und andererseits: es ist schön, nicht alleine zu sein.
Gemeinsam, insgesamt zu dritt, laufen wir die letzten Tage auf unser Ziel zu.
2008 wollte ich nicht alleine an der Kathedrale ankommen und freute mich am Monte de Gozo meine Pilgerfreunde Frank und Sandor zu treffen. Gemeinsam liefen wir in die Altstadt hinein und freuten uns strahlend im Regen stehend angekommen zu sein.
Dieses Mal habe ich das Bedürfnis alleine in Santiago anzukommen, aber der Wunsch geht nicht in Erfüllung. Mit meinen beiden Mitpilgern erreiche die Kathedrale, und es regnet mal wieder, so wie bei meiner ersten Ankunft 2008.
Ich freue ich da zu sein, aber innerlich fühle ich mich nicht angekommen.
In der Pilgermesse treffe ich etliche meiner Mitpilger und freue mich, sie ein letztes Mal zu sehen, mit ihnen zu reden und mich verabschieden zu können.
Nach der Messe setzen wir uns noch gemeinsam in eine Altstadtbar und freuen uns über die Ankunft und den zurückgelegten Weg. 1000 Kilometer voller Erlebnisse und Eindrücke.
Ich bin da, und irgendwie innerlich nicht am Ziel. Da mir noch vier Tage bis zum Rückflug bleiben, mache ich mich auf den Weg zum Atlantik. Ich möchte Finisterra zu Fuß erreichen, den Weg laufen, den ich drei Jahre zuvor aus Zeitmangel mit dem Bus absolviert habe.
Die letzten 100 Kilometer schlauchen noch einmal ordentlich, aber überall herrscht eine lockere, freudige Stimmung. Alle meine Mitpilger, haben genau wie ich, ihr großes Ziel Santiaog de Compostela, erreicht. Diese letzten 100 Kilometer sind das i-Tüpfelchen, das Sahnehäubchen auf dem Weg, aber auch der Abschied vom Weg. Nachdem ich in den letzten drei Wochen fast täglich die gleichen Menschen getroffen habe, mischen sich die Pilger hier ganz neu. Ein großer Teil der Pilger haben Santiago über den Camino Francés erreicht, einige wenige sind über den Camino Primitivo und einige vom Camino del Norte gekommen und ich von der Via de la Plata. Wir tauschen uns über die gelaufenen Kilometer, über unsere Eindrücke und Erlebnisse aus, schauen freudig zurück und wehmütig voraus. So schön wie es ist, in Kürze von seinen Lieben daheim empfangen zu werden, so schade ist es, vom Weg Abschied zu nehmen.
Von Santiago laufe ich über Negreira nach Olveiroa. Nur noch eine Etappe steht mir bevor, als ich feststelle, dass es für mich keinen passenden Bus von Finisterra zurück nach Santiago gibt. Der einzige Bus der übermorgen, dem Tag meines Abfluges, zurück nach Santiago fährt, fährt so spät, dass es fraglich ist, ob ich meinen Flieger pünktlich erreiche. Da der Busfahrplan von Muxia Richtung Santiago wesentlich günstiger für mich ist, beschließe ich spontan meinen Weg in Muxia zu beenden.
An meinem letzten Wandertag werde ich früh morgens vom prasselnden Regen geweckt. Es regnet nicht nur, nein: es schüttet.
An meinem letzten Tag kann mich nichts mehr erschüttern und auch wenn es heute wieder fast 38 Kilometer sind: ich gehe meinen Weg heute zu Ende, egal ob es regnet oder stürmt.
Nach wie vor führt der Weg auf und ab, die Wege sind verschlammt und eine Wetterbesserung ist nicht in Aussicht. Einige Mitpilger überlegen ein Taxi zu mieten oder einen Bus zu nehmen – sollen sie – ich laufe. Ich kämpfe mich durch Dreck und Schlamm über die Hügel und durch grüne Wiesen und plötzlich scheint sich am Horizont der Himmel etwas zu lichten. Der Himmel wird heller und irgendwann, es kann nicht mehr allzu weit bis zum Ziel sein, kommt die Sonne hervor.
Unter einem klaren, blauen Himmel überquere ich eine Bergkuppe und ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube den Atlantik zwischen den Tannen schimmern zu sehen. Noch bin ich mir nicht sicher, aber mit jedem weiteren Schritt weiß ich, du hast es geschafft! Den abwärts führenden Weg renne ich beinahe runter und als ich unten an der Bucht stehe, kann ich meine Tränen kaum zurückhalten. Ich habe es geschafft! Jetzt, in diesem Moment, fühle ich mich angekommen, ich fühle mich am Ziel, auch wenn es noch ca. 8 Kilometer bis Muxia sind. All die Gefühle die ich bei der Ankunft in Santiago vermisst habe, kommen mir beim Anblick des Meeres. Was für ein letzter Tag: Start bei dicksten, schwarzen Regenwolken und Wolkenbrüchen, Sturm, Nebel und nun Sonnenschein und ein türkis-blaues Meer vor mir. So gerne ich bei der Ankunft in Santiago alleine gewesen wäre, so sehr wünsche ich mir nun meine Mitpilger herbei um meine große Freude mit ihnen zu teilen– aber ich bin schon seit einiger Zeit niemanden mehr begegnet.
Bis zur Ankunft in Muxia zieht sich der Weg noch einmal in die Länge, führt wieder vom Meer weg. Ich umrunde die Bucht von Muxia, checke in der Herberge ein, dusche, wasche ein letztes Mal meine Wäsche mit der Hand und begebe ich auf die letzten Meter zum Kap.
Als ich die Herberge verlasse, kann ich nicht glauben, was ich sehe. Der Himmel hat sich in kürzester Zeit wieder tief schwarz verfärbt, der Wind pustet mir die Gischt um die Ohren, das Meer peitscht die Wellen an das Land.
Obwohl ich es mir so schön vorgestellt habe, in der Abendsonne am Kap zu sitzen, laufe ich gut gelaunt zur Kirche am Kap. Ich steige den Hügel am Kap zum Kreuz hinauf, fühle mich dabei wie ein Vogel im Wind und schaue aus der Höhe auf das Meer und in die Richtung aus der ich gekommen bin.
Der nächste Regenguss setzt ein und ich betrete die Kirche und erfreue mich an der Ruhe und Stille um mich herum.
Draußen tobt ein Unwetter, das Meer wütet und ich genieße den Kirchenraum und danke für alles was ich auf den hinter mir liegenden 1100 Kilometern erleben durfte: MEINEN WEG!

Ich fühle mich angekommen, ich bin am Ziel!







Camino del Norte
-ein Teilstück

Der Wunsch mich auf den Camino del Norte zu machen war nicht so groß und von vielen Zweifeln im Vorfeld begleitet. Entstanden ist der Entschluss mich auf diesen Weg zu machen aus dem Wunsch im Jahre 2013, zu meinem 40. Geburtstag, den Camino Primitivo zu laufen. Vom Camino Primitivo habe ich schon viele beeindruckende Dinge gehört, gelesen und wunderbare Fotos gesehen. Diesen Weg wollte ich mir im zum Geburtstag schenken und der Gedanke an den Primitivo kam mir schon auf dem zweiten Teilsstück der Via de la Plata.
Da ich keine besonderen Pläne für meinen Jahresurlaub 2012 hatte, beschloss ich als Zubringer zum Camino Primitivo den Camino del Norte zu laufen. Aber der Camino del Norte oder Jakobus hat im Jahr 2012 nicht sehr laut nach mir gerufen.
Auf der Suche nach Informationen fand ich viele widersprüchliche Informationen, Erlebnisberichte und Gedanken. Nicht alles was ich las, kam bei mir positiv an. Das Höhenprofil des Weges und die marode Gesundheit und meine Zipperleinchens vom Frühjahr ließen mich sehr viel zweifeln und grübeln, ob es der richtige Zeitpunkt und der richtige Weg für mich ist.
Auch wenn ich schon seit längerem geahnt hatte, dass irgendwas - was auch immer - mit mir nicht stimmt, hat mich die Diagnose Multiple Sklerose, vier Wochen vor dem geplanten Start sehr geschockt. Einerseits erleichtert endlich eine Erklärung und Diagnose für meine immer mal wieder mehr oder weniger auftretenden Beschwerden zu haben und für das Gefühl, dass ich körperlich irgendwie schlechter zurecht bin, andererseits voller Zweifel wie es nun mit mir weitergeht, beschloss ich dennoch zu starten. So sollte dieser Weg, der körperlich sehr anstrengend sein soll, ein echter Pilgerweg werden. Ein Weg auf dem ich viele Gedanken sortieren wollte und mir beweisen wollte, dass trotzdem alles möglich ist, was ich mir vornehme. Ich wollte, das meine nicht heilbare Erkrankung keine Oberhand gewinnt, dass alles so weitergeht wie bislang.
So startete ich im Juni 2012 voller Zweifel, Sorgen, Gedanken, aber mit Hoffnung und einem Rucksack voller Bitten und Gebete auf meinem Weg.
Dieser Weg, oder das Teilstück des Weges von Hondarribia bis Islares, war so ganz anders als alle meine vorherigen Pilgererfahrungen. Er unterschied sich in vielen Dingen von meinen vorherigen Wegen. Wusste ich sowohl auf dem Camino Francés als auch auf der Via Plata instinktiv, dass ich mein Ziel erreiche, war ich mir mit meinem ersten Schritt auf dem Weg zur ersten Herberge des Weges schon sicher, dieses Mal mein mir gestecktes Ziel nicht zu erreichen. Es würde nur eine Frage der Zeit sein, bis mich sowohl die physische, als auch die psychische Kraft verlassen würde.
Vom ersten Schritt an verlangte der Küstenweg meine volle Kraft und Konzentration von mir. Täglich gab es sehr viele Höhenmeter, aufwärts und abwärts, zu bewältigen. Dabei war das Wetter entweder sehr schlecht oder sehr gut und dabei schon zu heiß.
Bereits kurz nach meiner Ankunft bewölkte sich der Himmel zunehmend und abends rollte der Donner durch die Berge und machte einen höllischen Lärm. Meinen ersten Wandertag startete ich im stärksten Regen und kämpfte mich durch Schlamm und Geröll den Monte Jaizkibel hoch. Laut Reiseführer sollte es hier einen wunderbaren Blick auf den Atlantik geben, aber außer ganz vielen Nebelschwaden bekam ich in der Ferne nichts zu sehen – nur die wenigen Meter vor mir konnte ich erkennen. So schlecht das Wetter an meinem ersten Tag war, so gut oder schlecht war es auch an meinem letzten Wandertag. Morgens um 10 Uhr kletterte das Thermometer bereits auf 36 Grad im Schatten hinauf. Weder das eine noch das andere Extrem war für mich zum Wandern geeignet.
In mir kam auf diesem Weg nur selten das mir bekannte Pilgerfeeling auf. Die Pilger die ich traf waren alles Einzelkämpfer und es entstand kein Gemeinschaftsgefühl. Auf allen meinen Wegen bin ich die Etappen alleine gelaufen, habe zwischendurch mal Pilger getroffen, mit ihnen gesprochen und mich dann wieder getrennt – und ich habe diese Art zu pilgern immer genossen. So gerne wie ich alleine auf dem Weg unterwegs war, so sehr habe ich mich in der Herberge über meine Mitpilger gefreut, über den Austausch, das gemeinsame Essen, Schweigen und Genießen auf dem Weg zu sein. Aber dieses Gefühl kam in mir nicht hoch, was auch damit zu tun haben kann, dass es auf dem Weg, oder zumindest auf der von mir zurückgelegten Strecke, nur wenige Herbergen gab. Am Ankunftstag habe ich in Hondarribia der der wunderschönen touristischen Herberge, einer alten Mühle, geschlafen und war dort fast alleine. In San Sebastian gibt es keine Herberge, was bedeutete, dass sich jeder irgendwo einen Schlafplatz suchte, die Jugendherberge war so gut wie ausgebucht. Der nächste strategisch gut gelegene Ort Zarautz hatte auch wieder keine Pilgerherberge, nur eine ausgebuchte Jugendherberge. Da mir dieses schon zuvor bekannt war, habe ich erstmals auf meine Pilgerreisen, einen Bus gen Osten, zurück dorthin, woher ich gekommen bin, genommen. Orio, ca. 7km vor Zarautz gelegen hat eine wunderbare Herberge, eine kleine Oase mit ganz viel Seele. In der Herberge von Rosa ließ ich meinen Rucksack zurück, pilgerte ohne Gepäck nach Zarautz, stempelte meine Credencial und fuhr mit dem Bus die gleiche Strecke wieder zurück. Am nächsten Morgen nahm ich wieder den Bus um von Zarautz aus weiterzulaufen. Die Herberge in Deba war in einer alten, verschimmelten Schule untergebracht und auch hier, auch wenn ich keinen Luxus erwarte und benötige und eigentlich total pflegeleicht und anspruchslos bin, fühlte ich mich nicht wohl. Am nächsten Morgen der Aufstieg von Deba, den Berg hinauf, schaffte ich aufgrund körperlicher Beschwerden nicht und nahm den Bus, um von der Höhe des Berges aus weiterzulaufen. Der Priester in der Klosteralbergue war nicht einverstanden damit, dass ich den Weg mit dem Bus abgekürzt hatte und meine Erläuterungen, dass ich aus gesundheitlichen Gründen, ständigem Fallen aufgrund schlechtem Gleichgewichts auf sehr holperigen, engen und steilen Waldwegen, nicht habe laufen können, wollte oder konnte der Klosterbruder nicht verstehen und nur widerwillig gab er mir ein Bett in der Herberge. Am nächsten Tag in Gernika gab es auch wieder keine Unterkünfte, ich habe ein Hotelzimmer bekommen, aber viele Mitpilger mussten am Ende des Tages den Bus nehmen um irgendwo ein Bett zu finden. Auch in Bilbao gab es wieder nur eine Jugendherberge oder aber viele teure Hotels und jeder schlief dort wo er ein günstiges Bett bekam. Aufgrund dieser Begebenheiten kam kein Gemeinschaftsgefühl auf. Auch gab es wenig tolerante Pilger die meine Art den Weg zu laufen (auch notfalls mit dem Bus zu fahren) nicht akzeptieren konnten.
Warum kann nicht jeder so „seinen“ Weg gestalten, wie es für einen richtig ist? Gibt es nur eine„richtige“ Art zu pilgern?
Trotz all dieser Begebenheiten die dazu führten, dass ich mich auf dem Weg nicht zu Hause fühlte, mich nicht so darauf einlassen konnte, wie in den Jahren zuvor, darf ich nicht vergessen zu erwähnen, dass es dennoch viele schöne Momente gab.
Die Natur war wunderschön, sehr hügelig, aber wunderschön und von großer Ruhe. Die Blicke über den Atlantik, besonders bei Sonnenschein, waren grandios – aber mir fehlte oft die innere Ruhe den Blick und die Ruhe zu genießen. Einerseits hatte ich immer im Hinterkopf, dass ich wieder mal einen Ort ohne Herberge erreiche und mich nach der Ankunft auf die Bettensuche begeben muss, andererseits quälten mich vom ersten Tag an körperliche Beschwerden, von tauben Füßen, Schmerzen in der Achillessehen und der Ferse, Blasen (hatte ich nie zuvor auf den vorher schon zurückgelegten 2000 Pilgerkilometern), große körperliche Erschöpfung, die auch mit meiner Grunderkrankung zu tun haben und, und, und…
Oft habe ich mich gefragt, was ich da gerade tue, warum ich mir das antue und wie lang ich diese Strapaze durchhalte und ich war mir bewusst, dass ich in diesem Zustand und unter diesen Bedingungen aller Wahrscheinlichkeit nach keine 500 Kilometer durchhalte.
Dass ich den Weg so plötzlich, von jetzt auf gleich abbreche und zur nächsten Bushaltestelle Richtung Heimat laufe, habe ich an meinem letzten Wandertag morgens noch nicht geahnt.
Eigentlich hatte ich am Vortag in der Herberge in Castro Urdiales, einem schönen Küstenort und bei bestem Badewetter, bleiben wollen. Aber direkt nach meiner Ankunft in diesem Ort, noch in einer Bar sitzend, beschloss ich die nächsten Kilometer bis nach Islares anzuhängen. Islares würde am nächsten Tag, strategisch-kilometertechnisch, besser in die Planung meiner Tagesetappen passen. Also weiter! Nur kurz hinter Castro Urdiales merkte ich, wie mich die Kraft verließ, und je weniger Energie und Kraft ich habe, desto schlechter laufe ich. Bei heißestem Sonnenschein schwankte ich den Berg hinauf nach Islares. Erleichtert meinen Zielort erreicht zu haben, fiel ich beim Anblick der Betten vom Glauben ab. 2cm Schaumstoff auf harten Holzbrettern, drei Etagen übereinander auf einer Höhe, in der man sonst niedrige Doppelstockbetten vorfindet. Die Nacht war grausam, unter den Mitpilgern kam kein Gespräch auf und die Stunden bis zum Tagesanbruch wollten nicht vergehen.
Mit Sonnenaufgang stand ich auf und machte mich auf zur nächsten Etappe, Frühstücken wollte ich im nächsten, ca. 4,5 Kilometer entfernten Dorf. Schon am frühen Morgen war es elendig heiß, die Sonne knallte vom Himmel. Mit vielen Schmerzen und total erschöpft von den hinter mir liegenden Kilometern und der schlaflosen Nacht auf harten Holzbrettern, erreichte ich meinen Frühstücksort. Die Bar hatte geschlossen, außer Wasser hatte ich keinen Proviant dabei, saß ich vor der geschlossenen Bar. Total frustriert saß ich in diesem verlassenen Dorf und musste mir meine Tränen verkneifen. Der nächste, vor mir liegende Ort war noch 14 Kilometer entfernt, die Hitze wirkte sich negativ auf meine MS aus, das Gleichgewicht war total marode, die Füße voller Blasen, die Sehnenansätze entzündet und von jetzt auf gleich beschloss ich meinen Weg hier, jetzt und sofort zu beenden.
Dass der momentane Zeitpunkt nicht der richtige für einen anstrengenden, weiten Pilgerweg durch die Berge und Hügel Nordspaniens ist, war mir schon vor Beginn der Reise klar, aber ich wollte es ausprobieren, mir nicht eingestehen, dass ich nicht so kann, wie ich gerne möchte. Dass der Schluss so schnell und plötzlich kommt, habe ich mir vorher nicht gedacht. Noch am Morgen bei Beginn der Tagesetappe war ich mir nicht bewusst, dass ich drei Stunden später im Bus gen Heimat sitze.
So plötzlich und unerwartet das Ende meiner Reise kam, so genau wusste ich aber, dass es genau der richtige Zeitpunkt ist, dass es so sein soll.
Am Flughafen in Bilbao sitzend, in dem Ort den ich zwei Tage zuvor durchpilgert hatte, war ich nun wieder – nur nicht mehr als Pilger, sondern als Tourist und noch am gleichen Tag war ich wieder zu Hause. Erleichtert zurück zu sein, aber froh es ausprobiert zu haben.

Auch wenn dieser Bericht relativ negativ klingt, soll das nicht heißen, dass der Camino del Norte es nicht wert ist erpilgert zu werden. Der Küstenweg ist wunderschön, die Landschaft ist toll, das Meer grandios und sicher gibt es noch viele tolle Herbergen, solche Kleinode wie in Orio und in Pobena, aber es war nicht „mein“Weg und es war einfach der falsche Zeitpunkt – und wenn ich mir gegenüber ehrlich gewesen wäre, hätte ich bereits vor dem Start gewusst, dass ich momentan diesem Weg nicht gewappnet gewesen wäre.
Aber ich habe den Versuch den Weg zu pilgern nicht bereut, es gab viele schöne Momente in denen ich genossen habe und die es wert waren die Strapaze auf sich zu nehmen.
Und es hat so sollen sein, denn wäre ich nicht vorzeitig vom Küstenweg zurückgekommen, hätten sich andere Dinge nicht ergeben um die ich sehr froh bin.
Irgendwie richtet sich alles zum Guten und nur weil ich mein Ziel nicht erreicht habe, fühle ich mich nicht gescheitert. Natürlich habe ich sehr schnell aufgegeben, habe mir keine zweite Chance gegeben, vielleicht hätte eine Auszeit gut getan, aber ich weiß, dass auch eine ausgiebige Pause nichts an meiner momentanen Konstitution geändert hätte und es war gut ehrlich mir selbst gegenüber zu sein. Auch diese Begebenheit stärkt einen und zeigt wie wichtig es ist auf seine innere Stimme zu hören.






Camino Primitivo, Mai 2014

Schon mit dem Ende meines ersten Pilgerweges, dem Camino Francés, kam der Wunsch auf, erneut auf einen Weg zu starten. Ich recherchierte, stöberte durch Foren, las Berichte und so kam nach und nach eine kleine Liste verschiedener Wege zusammen die ich gerne laufen würde: die Via de la Plata und der Camino Primitivo.
2008 startete ich meinen ersten Jakobsweg und tief berührt kam ich zurück und wusste: dass war nicht mein letzter Pilgerweg. 
2009 konnte ich aus gesundheitlichen Gründen nicht starten und verschob das Projekt Via de la Plata auf 2010. Da die Via Plata zu lang für mich und meinen vorhandenen Jahresurlaub war, lief ich sie in zwei Etappen. 
2010 lief ich von Sevilla 500 wunderbare Kilometer bis Salamanca. Salamanca war ein würdevoller Abschied von einem beeindruckenden, wunderbaren Weg – mein ganz spezieller Jakobsweg. Ich habe wirklich gespürt, dass es irgendeine höhere Macht gibt, die mich begleitet und die beschützend eine Hand über mich hält. Mein Pilgerfreund Aloys war dabei „mein“ persönlicher Engel, der mir geschickt wurde. 
Salamanca stellte 2011 dann den Startpunkt der zweiten Hälfte der Via de la Plata dar. Die zweite Hälfte der Via de la Plata war landschaftlich und von den Begegnungen her ganz anders als die ersten fünfhundert Kilometer, aber genau so prägend. Die Via de la Plata ist bis heute mein Lieblingsweg geblieben. Schon bei meiner Ankunft in Santiago und später in Muxia am Atlantik wusste ich, dass ich mir 2013 zu meinem 40. Geburtstag den Camino Primitivo schenken werde.

Zwei Jahre ohne Pilgern? Irgendwann kam ich auf den Gedanken 2012 dem Camino Primitivo entgegenzulaufen und so startete ich kurz hinter der französich-spanischen Grenze und folgte der Atlantikküste Richtung Oviedo. Der Camino del Norte war nicht mein Weg. Der Weg war geprägt von großer Hitze, einem Wettrennen nach Betten (spanische Ferien), Schmerzen und Sorgen, da ich vier Wochen vor dem Start die Diagnose Multiple Sklerose bekommen hatte.

Ich wollte mir beweisen, dass ich dennoch das schaffe, was ich mir vorgenommen habe, vielleicht wollte ich der Diagnose auch davon rennen. Es kam wie es kommen musste: Nach 10 Tagen beendete ich ganz spontan meinen Weg. Der del Norte stand nie wirklich auf meiner Wunschliste, hat nie nach mir gerufen, und ich musste einsehen, dass es einfach der falsche Weg zum falschen Zeitpunkt war, aber auch dieser Weg hatte seine Reize – die Atlantikküste, ein Traum! Auch wenn ich im ersten Moment enttäuscht war, dass ich so schnell aufgegeben habe, es war richtig!

Daheim musste ich erst einmal die noch frische Diagnose sacken lassen, mich an ein Leben mit regelmäßigen Medikamenten und Untersuchungen gewöhnen und mein Leben der Krankheit anpassen, aber das Leben geht immer weiter.

Ich lernte mit der Diagnose umzugehen und der große Wunsch meinen runden Geburtstag auf dem Primitivo zu feiern blieb bestehen und nahm nach und nach Form an. Leider kam es 2013 im Frühling dann ganz anders. Mir ging es gesundheitlich schlecht und ich lernte am eigenen Leib zu spüren, was MS bedeutet. Meinen Start musste ich absagen, und anstatt in den Flieger zu steigen, fuhr ich zur Reha. Leider hielt der Erfolg nur vier Wochen an, dann ging es gesundheitlich richtig abwärts. Alle Medikamente versagten, auch höchste Dosen Cortison verpufften irgendwo im Nirwana und letztendlich, als ich kaum noch laufen konnte und bis zur Brust taub war, landetet ich an der Plasmapherese, einer speziellen Dialyse für MS und anschließend schon wieder in der Reha. So schwer und anstrengend wie der Sommer war, brachten die anstrengenden Therapien nach und nach Erfolg. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich jemals wieder einen Camino laufen würde – auch wenn die Bewegungen sich kontinuierlich besserten und ich wieder kurze Strecken lief. Ab November 2013 wurde ich auf ein neu auf den Markt gekommenes Medikament eingestellt und innerhalb kurzer Zeit ging es mir wesentlich besser. Die Lebensfreude kam wieder, kaum Nebenwirkungen und ich fühlte mich fit – so viel fitter als das letzte dreiviertel Jahr. Hinzu kam, dass eine Pilgerfreundin von mir plante auf den Primitivo zu starten. Und so fantasierten wir, dass wir gemeinsam gehen könnten, jeder mit seinen Einschränkungen, aber nicht alleine. Wir könnten uns gegenseitig motivieren und anfeuern, und in schweren Situationen würde die eine der anderen Sicherheit geben. Aus dem gemeinsamen Projekt wurde nichts, da unsere Arbeitgeber uns nicht zeitgleich freistellen konnten, aber mein Ehrgeiz den Weg zu gehen, es wenigstens versucht zu haben, war geweckt. Ich hatte viele Bedenken: die Berge, die Einsamkeit, meine körperliche Situation und was man alles so an Argumenten findet, die dafür sprechen zu Hause zu bleiben. Ich entschied mich, den Weg zu wagen, denn: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Beim Betrachten des Höhenprofils wäre ich am liebsten zu Hause geblieben, aber dann hätte ich mich immer gefragt, ob es vielleicht doch gelappt hätte.

Am 10. Mai stieg ich in den Flieger nach Bilbao und fuhr von dort aus mit dem Bus nach Oviedo, meinem Startpunkt. Von Bilbao aus folgte der Bus auf den ersten Kilometern der Atlantikküste und ich erkannte viele Orte die ich 2012 zu Fuß auf dem del Norte durchquert hatte.

Am Folgetag startete ich gut gelaunt auf den Primitivo, immer noch mit Bedenken, aber der Versuch zählt. Gleich zu Beginn folgte ich nicht dem ausgeschilderten Weg sondern lief einen Umweg auf dem man an zwei Unesco-Weltkulturerbe-Kirchen vorbei kommt und außerdem viele Höhenmeter zusätzlich läuft. Ich wollte mich auf die vor mir liegenden Höhenmeter vorbereiten, auch wenn am ersten Tag nur eine kurze Etappe vor mir lag. Mit jedem gelaufenem Kilometer besserte sich das Wetter. Morgens beim Erwachen hatte es noch geregnet, beim Start war alles nass und der Himmel mit grauen Wolken verhangen, und nach zwei Stunden klarte es immer weiter auf, so dass es irgendwann richtig heiß wurde. Ob es wirklich so heiß war – ich glaube es kaum - aber die Sonne schien wunderbar warm und beim steilen Aufwärtslaufen geriet man unweigerlich ins Schwitzen.

Die erste, nur 13km lange Etappe, war für den ersten Tag völlig ausreichend, da am Ende ein längerer, steiler Aufstieg anstand. Stolz erreichte ich Escamplero, holte den Herbergsschlüssel und suchte mir mein Bett in der sehr einfachen Herberge. Es fühlte sich an, als ob ich nie etwas anderes als pilgern gemacht hätte. Durch die vielen vorweg gelaufenen Rucksackkilometer war es selbstverständlich: Schlafsack auspacken, duschen, Wäsche waschen und aufhängen und dann: Siesta und den restlichen Tag genießen.

Schnell füllte sich die Herberge und es war so, als ob Pilgern das Normalste der Welt sei. Wir lernten uns kennen, erzählten, aßen gemeinsam und alle gingen wir früh schlafen – halt typisch Camino. Dieser Tagesablauf wiederholte sich nun jeden Tag, nur sah man fast täglich andere Pilger, aber mit der Zeit kristallisierte sich ein kleines Grüppchen heraus, das täglich die gleichen Etappen lief. Nachmittags füllten sich die Herbergen innerhalb weniger Stunden, morgens verflüchtigten sich die Pilger oftmals schneller als man gucken konnte; aber auf dem Weg war man fast immer alleine. Und obwohl ich fast immer alleine unterwegs war und fast nie einen Pilger traf, ich fühlte mich nicht alleine. Die Einsamkeit hat viele gute Seiten. Man kommt zu sich, denkt über sich selbst und das Leben nach, oder man denkt gar nichts. Aber egal ob man denkt, oder nicht denkt: Die Natur beeindruckt kontinuierlich. An vielen Tagen ging es oftmals steil hinauf und auch wieder hinab, auf Naturwegen, Landstraßen, Wiesenwegen und Schotterpisten. Egal welcher Beschaffenheit der Weg hatt: die Aussicht in die Ferne war stets beeindruckend. Die Landschaft ist geprägt von einer unglaublichen Ruhe, am Horizont sieht man die schneebedeckten Berge und man selbst läuft ständig durch eine wunderschöne, grüne Hölle. Man durchwandert grüne, knorrige Märchenwälder und ich hätte mich nicht gewundert, wenn plötzlich eine Fee, ein Kobold oder eine Elfe vor mir gestanden hätte. Frühmorgens war es immer kühl, oftmals bedeckt, aber innerhalb kürzester Zeit wurde der Himmel blau, die Sonne strahlte und die Temperaturen stiegen an. Die Herberge in Bodenaya, die ich am Ende meines dritten Wandertages erreichte, war ein wunderbares Kleinod. Herzlich wurden wir empfangen, wurden gut verpflegt, die Wäsche gewaschen, morgens mit Musik geweckt und nach einem guten Pilgerfrühstück mit einem Foto verabschiedet – und das alles auf Spendenbasis. Am fünften Pilgertag stand die große, gefürchtete Hospitalroute auf dem Plan: die Tour die mich im Vorfeld so für den Primitivo begeistert hat – aber auch aufgrund der Höhenmeter geschreckt hat. Ich hätte die Hospitalroute mit einer Alternativroute umgehen können, aber die Einsamkeit der Berge war es die mich auf den Primitivo gerufen hat. Bei bedecktem Himmel ging es morgens los und mit jedem Höhenmeter aufwärts kam die Sonne weiter hervor. Immer weiter hinauf, wenn man einmal gestartet ist, gibt es kein zurück. Je höher ich kam, desto beeindruckender wurde die Landschaft und der Ausblick – und heute war ich einmal nicht alleine unterwegs. Auf dem Weg verteilen sich die Mitpilger immer sehr schnell, aber auf dieser Route traf ich heute ständig meine Mitpilger die irgendwo ein Päuschen einlegten. Man traf sich, pausierte eine Weile gemeinsam, quatsche und ruhte aus, dann ging es weiter, jeder in seinem Tempo und wir verloren uns schnell wieder aus den Augen. Der Aufstieg war schweißtreibend und anstrengend, aber der Abstieg wurde für mich eine viel größere Herausforderung. Mit jedem Schritt abwärts spürte ich meine körperlichen Einschränkungen und Grenzen, das Gleichgewicht auf dem steinigen Untergrund zu halten war sehr schwer für mich und ein wahnsinniger Wind blies kontinuierlich von der Seite und drohte mich umzublasen. Aber wie es immer auf einem Camino so ist: braucht man einen Engel, so erscheint dieser. Meine Engel in dieser Situation waren meine zwei bayrischen Mitpilger, die ich heute bislang noch nicht gesehen hatte, da sie nach mir gestartet waren. Tommy und Gotthard sahen, dass es mir körperlich nicht gut ging, dass der Abstieg mich an meine gleichgewichtstechnischen Grenzen brachte und ich mit meiner Koordination kämpfte. Sie blieben bei mir bis wir das Bergdorf Montefurado erreichten. Ich bin ihnen sehr dankbar, dass sie mich bei dem schweren Abstieg begleitet haben. Auch wenn ich den Abstieg selbst bewältigen musste, so gaben sie mir durch ihre Anwesenheit Sicherheit. Einige Steinblöcke rutsche ich auf dem Gesäß hinunter, da ich sonst gefallen wäre – aber egal wie es aussieht: Hauptsache sicher und heile am nächsten Etappenort ankommen. In Montefurado, einem verlassen Bergdorf pausierten wir in der Sonne, teilten uns unsere „Brotzeit“ und dann ging ich alleine weiter, wohl wissend, dass die Beiden mich schnell wieder einholen würden.

Die Hospitalroute hat mir meine ganze Kraft abverlangt, hat mir meine Grenzen gezeigt und ich habe sie überschritten, aber nach wie vor bin ich stolz die Königsetappe geschafft zu haben. Am Folgetag stand wieder eine große Etappe mit ebenfalls 2000 Höhenmeter auf und ab an. Die 800 Höhenmeter auf wenigen Kilometern abwärts zum Stausee von Grandas de Salime liefen sich auf dem Waldweg wesentlich leichter als die Höhenmeter abwärts am Vortag. Tief unter mir sah ich immer wieder den Stausee in der Sonne glitzern und ich wusste, dass es nach dem Stausee unweigerlich die gleiche Anzahl an Höhenmeter wieder aufwärts gehen würde. Das Höhenprofil hat mir im Vorfeld sehr viel Sorgen bereitet, aber der Aufstieg nach Grandas de Salime war so viel leichter auf der Landstraße als auf den Naturwegen am Vortag, dass ich kaum merkte dass ich aufwärts lief. An diesem Abend übernachtete ich in der wunderschönen Herberge von Castro, stolz und erfüllt, diese beiden anstrengenden Tage geschafft zu haben.

Nach diesen beiden herausfordernden Etappen war die Luft bei mir irgendwie raus, mein Körper sagte mir, dass ich auf mich achten müsse und ich versuchte diese Zeichen zu beachten, aber Santiago zog mich nach wie vor an. Alle weiteren Etappen waren landschaftlich ebenfalls wunderschön, die Natur veränderte sich, es wurde flacher – wenngleich es hügelig blieb. Jeden Tag ging es weiter auf- und abwärts durch Wälder und an Hängen entlang. Eine große Erschöpfung machte sich in mir breit, die Füße taten weh, die Muskeln waren erschöpft und das eine oder andere Mal fragte ich mich, was von den Symptomen von der Erschöpfung und was von der MS kommt. Ich verdrängte die Symptome und lief Tag für Tag weiter, wohlwissend dass meine Grenzen nahe sind. In Castroverde kaufte ich mir spontan ein Paar neue Wanderschuhe und siehe dar: die täglichen Fußschmerzen gehörten der Vergangenheit an. Schon lange hatte ich es vermutet: die Sohle in den guten, teuren Hanwag-Wanderschuhen war zu hart. Schon auf dem Camino del Norte hatte ich beim Laufen in diesen Schuhen täglich Fußschmerzen, glaubte aber die Schmerzen wären bedingt durch die Belastung. Mit den neuen Schuhen lief ich schmerzfrei Richtung Lugo. Die Schmerzen waren endlich weg, aber mit den neuen Schuhen verzog sich auch die Sonne. Die letzten 100 Kilometer war das Wetter durchwachsen, mal regnete es, mal schien die Sonne. So schnell wie das Wetter umschlug konnte man sich nicht umziehen, und so blieb der Regenponcho griffbereit über dem Rucksack hängen. Auf den letzten 100, besonders aber auf den letzten 50 Kilometern überlegte ich ständig in den Bus zu steigen. Ich war mit meiner Kraft am Ende – und der Camino Primitivo (der Weg den ich unbedingt laufen wollte) endet in Melide, wo er auf dem Camino Francés stößt. An der Kirche in Melide, 50km vor Santiago, sah ich auf einen Blick mehr Pilger als in den vergangen 12 Tagen auf dem Primitvo. 2008 war es voll auf dem Francés, aber es hat mich nicht gestört – ich habe meine Mitpilger genossen. Stößt man nach vielen Kilometern in der Einsamkeit plötzlich auf solche Menschenmengen, dann ist es einem schnell zu viel. Aber wie es immer so ist: Immer wenn ich mir schwor, bei der nächsten Möglichkeit einen Bus zu nehmen, dann gibt es keine Bushaltestelle am Weg bevor man die Herberge erreicht. Ab Melide war ich mir sehr sicher, dass ich die noch verbleibenden 5 Tage nach meiner Ankunft nicht in Santiago bleiben möchte, dass ich aber auch nicht mehr weiterlaufen kann und möchte. Und so habe ich am Tag vor meiner Ankunft in Santiago in einer Bar am PC gesessen und habe mich nach einer alternativen Möglichkeit umgesehen um vorzeitig nach Hause zu kommen. Ob ich nun 5-6 Tage ich Santiago ein Hotel und Lebensunterhalt bezahle, oder ob ich einen Flug buche tut sich finanziell nichts. Ich bin meinem Körper Respekt schuldig. Nie habe ich damit gerechnet Santiago zu erreichen, ich habe es versuchen wollen – aber ich habe nicht daran geglaubt es wirklich schaffen zu können. Mit dem Wissen 1,5 Tage nach meiner Ankunft heim fliegen zu können schlief ich ein letztes Mal in einer Herberge. Die private Herberge in Santa Irene ist wunderschön, die kirchliche Herberge auf der Gegenseite der Straße kenne ich von meinem ersten Weg und schon 2008 war sie so baufällig, dass ich die wenigen Euros mehr gerne investiere.

Der letzte Wandertag fiel mir sehr schwer. Zwar sind in den neuen Schuhen mein Fußschmerzen abgeklungen, dafür habe ich mir aber an beiden Fersen dicke Blasen gelaufen und sie behindern bei jedem Schritt. Auf den letzten 25 Kilometern hadere ich ständig mit mir. Ich kann nicht mehr, aber ich komme an keiner Bushaltestelle vorbei. Ich weiß, dass ich am Flughafen von Santiago vorbeikomme und dort ein Bus in die Innenstadt fährt. Als ich aber beim Flughafen ankomme, verabschiede ich mich endgültig von dem Gedanken in den Bus zu steigen. Nach 310 Kilometern schaffe ich die letzten 10 Kilometer auch noch. Kurz vor der Pilgermesse erreiche ich mein Ziel, mal wieder. Zum dritten Mal stehe ich glücklich und erschöpft mit meinem Rucksack vor der Kathedrale und erstmals auf dem Weg fließen die Tränen.

Ich bin froh und dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte mich erneut auf den Weg zu begeben. Ich hätte nicht gedacht, dass nachdem was im Vorjahr gewesen ist, ich es noch einmal schaffe und es ist gut, dass ich die gute Zeit genutzt habe.

Am Morgen nach meiner Ankunft in Santiago erwache ich mit einem neuen MS-Schub. Noch bin ich mir nicht sicher, ob es ein Schub ist, die Erschöpfung, der Kreislauf oder was auch immer – aber ich ahne es.

Die nächsten zwei Monate werden hart, wieder lande ich im Krankenhaus und an der Plasmapherese da das Cortison mal wieder versagt und sich die Symptome verschlechtern und nicht schwinden wollen. Meine Ärzte bestärken mich darin, dass es gut war meinen Weg gegangen zu sein und dass der erneute Krankheitsausbruch nicht mit dem Weg zusammenhängt. Das Medikament unter dem ich mich so fit und gut gefühlt hat, hat leider nicht gewirkt (wo keine Wirkung, da keine Nebenwirkung).

Der Weg hat mir in schlechten Tagen immer wieder Kraft und Energie gegeben und mich aufgebaut.

Auf meinen Wegen habe ich gelernt, dass auch Umwege zum Ziel führen und manchmal wunderschön, wenn auch anstrengend sind. 
Und so habe ich auf meinen Wegen auch für mein Leben gelernt. Man weiß nie, was einem das Leben bringt und manchmal ist der Weg steinig und schwer, aber er ist lohnenswert. Manchmal kommt man wo anders an, als geplant, aber auch andere Ziele sind durchaus reizvoll.

Mal sehen, wohin mich mein weiterer Weg führt!?




Und wenn ich meinen Weg Revue passieren lasse: 
Gott mich auf dem Weg andauernd in die Luft geworfen 
und wieder aufgefangen. 
Wir sind uns jeden Tag begegnet.
(Hape Kerkeling)

Allen meinen Lesern wünsche ich allzeit einen guten Weg und viel Spaß beim Lesen meines Blogs.
Buen Camino!
Anne